Mittwoch, 7. Januar 2015

Im Feld: FotografInnen als Augenzeugen


Die politische Auswirkung des israelisch-palästinensischen Konflikts auf Israel aufzuzeigen ist ein zentrales Anliegen des Fotografenkollektivs Activestills, zu dem auch der Israeli Oren Ziv gehört. In seiner Serie „Al Araqib“ aus dem Jahr 2012 dokumentierte er die Zerstörung des gleichnamigen Beduinendorfes in der Negev durch den israelischen Staat, um Platz für den vom jüdischen Nationalfonds geplanten Ambassador-Forest zu schaffen. An dieser Arbeit zeigt sich, dass die fotografische Produktion in der Region viel mehr zu bieten hat als stereotype Bildklischees. Kaum eine Konfliktregion verfügt über eine so hohe Dichte an FotojournalistInnen und FotografInnen wie Israel/Palästina. Nicht nur alle internationalen Nachrichtenagenturen sind dort präsent, auch viele freischaffende FotografInnen arbeiten in der Region. Im Feld treffen dabei sowohl internationale als auch lokale israelische und palästinensische FotografInnen aufeinander. Das Spektrum der fotografischen Ansätze reicht von der Nachrichten- über die Dokumentarfotografie bis hin zum Fotoaktivismus.

Die Nachrichtenfotografie wie im Fall von AP ist dabei eher an tagesaktuellen Ereignissen interessiert und auf Einzelbilder ausgerichtet, während die Dokumentarfotografie an Themen orientiert ist und stärker erzählerisch in Form von Serien arbeitet. Der Fotoaktivismus dagegen ist in beiden Feldern zu Hause und vor allem durch die dezidiert politische Haltung der FotografInnen geprägt. Ebenso wie die fotografischen Ansätze unterscheiden sich auch die Themen der FotojournalistInnen. Zentrale Qualitätsmerkmale sind die Augenzeugenschaft der FotografInnen und die damit verbundene Authentizität der Fotografien. FotografIn und Subjekt begegnen sich im fotografischen Akt, der vor allem vom Zeitraum der Begegnung und der Art des Ereignisses abhängig ist und in dem Macht- und Herrschaftsverhältnisse jedes Mal neu verhandelt werden.
FotografInnen, die bei internationalen Nachrichtenagenturen wie Reuters oder AP angestellt sind, haben kaum Möglichkeiten, eigene Akzente zu setzen, und folgen der Nachrichtenfaktorenroutine. Diese bestimmt, wie Ereignissen über bestimmte Faktoren wie Neuigkeit, Nähe oder Dramatik ein Wert zugeschrieben und damit festgelegt wird, wie berichtenswert einzelne Ereignisse sind. Frei arbeitende FotografInnen hingegen können stärker persönlichen Vorlieben folgen. Doch auch sie stoßen in einem Krisengebiet wie in Israel/Palästina an ihre Grenzen. Denn herrschende politische Systeme und die Konfliktdynamiken haben neben der Position der FotografInnen im Mediensystem einen zentralen Einfluss auf deren Handlungsspielräume. Beispielsweise in punkto Bewegungsfreiheit: Während sich internationale FotoreporterInnen mit Presseausweis mehr oder weniger frei in der Region bewegen können, haben ihre israelischen Kollegen keinen Zugang zum Gazastreifen und nur eingeschränkt in die Westbank. Palästinensern bleibt die journalistische Arbeit in Israel vollständig verwehrt.

Bilder des Scheiterns

Ein deutscher Fotograf, der seit vielen Jahren zum israelisch-palästinensischen Konflikt arbeitet, ist Kai Wiedenhöfer. Er ist in den 1990er Jahren zum ersten Mal in die Region gefahren und dokumentierte in ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Bildern die Situation in den palästinensischen Gebieten und das Scheitern des Osloer Friedensprozesses. Die Bilder wurden unter anderem im Steidl Verlag unter dem Titel „Perfect Peace: The Palestinians from Intifada to Intifada“ publiziert. Gestartet als klassischer Dokumentarfotograf, hat sich die Arbeit von Wiedenhöfer jedoch immer stärker in Richtung eines konzeptionellen Ansatzes entwickelt. Seine Arbeiten haben einen seriellen Charakter und sind nur zu verstehen, wenn man die Bilderfolge betrachtet. Dies ist sehr gut an den beiden Buchprojekten „Wall“ (2008) und „Book of Destruction“ (2010) zu sehen.
Im Jahr 2013 schloss Wiedenhöfer ein mehrjähriges Projekt zum Thema Grenzen ab. In Berlin plakatierte er dazu auf den Mauerresten an der Eastside-Gallery Fotografien der wichtigsten Grenzanlagen des 21. Jahrhunderts, von der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko über die Waffenstillstandslinie in Zypern bis hin zur Sperranlage zwischen Israel und der Westbank. Wiedenhöfer steht exemplarisch für den frei schaffenden Dokumentarfotografen. Er wechselt zwischen Auftragsproduktionen und freien Projekten und kommt bis heute ohne eine eigene Webseite und die Vertretung durch eine Fotoagentur aus. In Israel und den palästinensischen Gebieten erlaubt ihm sein deutscher Pass, sich relativ frei zu bewegen.

Klassische Ikonografie

Anders stellt sich dagegen die Situation für den jungen palästinensischen Fotografen Fadi Arouri dar, der Bilder für die tagesaktuelle Nachrichtenfotografie der internationalen Agenturen produziert. Sein Wirkungskreis beschränkt sich gezwungenermaßen auf die Westbank; der Zugang nach Israel und zum Gazastreifen wird ihm von Israel verwehrt. Angefangen hat Arouri als Freelancer für internationale Nachrichtenagenturen. Seit 2010 ist er der Repräsentant der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua in der Westbank. Kaum ein Termin im Politikzirkus in Ramallah, kaum eine Demonstration in der Westbank, wo Arouri nicht präsent ist. Das Geschäft von Nachrichtenfotografen wie Arouri ist das tägliche Kleinklein der Berichterstattung und damit das Bespielen der Archive der Nachrichtenagenturen. Es geht um aussagekräftige Einzelbilder und um Eye-Catcher, die das Zeug haben, auf den Titelseiten internationaler Zeitungen abgebildet zu werden. So finden sich in seinem Archiv viele Bilder des politischen Protests, welche die klassische Ikonografie des Konflikts mit Bildern Steine werfender Demonstranten oder palästinensischer Märtyrer bedienen, wie es auf seiner Facebookseite sichtbar wird. Aber er versucht auch den Bildklischees mit Fotos entgegenzusteuern, die den Alltag in der Westbank zeigen. Arouri gehört zu den ersten Absolventen eines Kurses in Fotojournalismus, der an der palästinensischen Birzeit Universität angeboten und von der Ost-Jerusalemer Fotografin Rula Halawani geleitet wird. Bis in die 1990er Jahre hinein gab es kaum palästinensische Fotografen auf dem Markt, das Geschäft war fest in der Hand internationaler und israelischer FotografInnen.

Politische Fotografie

Zur gleichen Generation wie Arouri gehört der israelische Fotograf und Autodidakt Oren Ziv. Während er sich als Brotjob bei einer israelischen Tageszeitung als Fotograf verdingt, gehört er als Gründungsmitglied des Fotografenkollektivs Activestills zu den politischsten FotografInnen Israels. Activestills stammt aus der anarchistischen Szene in Israel stammt und dokumentiert vor allem politische Proteste im eigenen Land sowie in der Westbank. In akribischer Kleinarbeit haben sie in den vergangenen Jahren ein umfangreiches Archiv des zivilen Ungehorsams und des gewaltfreien Protests kreiert. Durch ihre beharrliche Dokumentation konnten sie Schlaglichter auf Themen wie die Zwangsumsiedlung von Beduinen in der Negevwüste, die Proteste afrikanischer Flüchtlinge oder die Problematik der Hauszerstörungen in Ost-Jerusalem werfen. Die Bilder von Activestills werden in der Regel nicht kommerziell verwertet und stehen zivilgesellschaftlichen Organisationen in Israel und Palästina zur Nutzung zur Verfügung. Teil der politischen Arbeit von Activestills war und ist das Plakatieren von Bilderserien aus der palästinensischen Westbank im Stadtraum von Tel Aviv. Waren die Arbeiten von Ziv und seinen Kollegen aufgrund ihrer kritischen Haltung gegenüber der israelischen Regierungspolitik und dem offenen Widerstand gegen deren Besatzungspolitik für lange Zeit Tabu für den israelischen Mainstreamjournalismus, so bekam Ziv im Jahr 2011 mit einer Auszeichnung beim israelischen Pressefotografiepreis „Local Testimony“ eine offizielle Anerkennung für seine fotografische Arbeit.

Die Arbeit der drei hier vorgestellten Fotografen zeigt, dass der Vielfalt der fotografischen Darstellung des israelisch-palästinensischen Konflikts (fast) keine Grenzen gesetzt sind. Obwohl der Konflikt auf eine gewisse Art und Weise überfotografiert ist, gelingt es FotoreporterInnen immer wieder, ungewöhnliche Formen des visuellen Erzählens zu finden und neue, bisher nicht bearbeitete Themen aufzutun. Dass Bilder wie die von Activestills es meist nicht in die Massenmedien schaffen, liegt vor allem an der Komplexität der von ihnen angesprochenen Themen. Vieles, was sie produzieren, braucht eine ausführliche Kontextualisierung. Diese ist im Tageszeitungsjournalismus in der Regel nicht erwünscht. Dort wird einfachen, binär kodierten visuellen Botschaften immer noch der Vorzug gegeben.

So sagt die Vielfalt der fotografischen Ansätze im Feld erst einmal nichts darüber aus, welche Bilder gedruckt werden und ob und wie mit diesen visuelle Stereotype bedient werden. Was ein aufmerksamer und forschender Blick auf die Produktion ermöglichen kann, ist das Potenzial und die Vielfalt fotografischer Darstellung von Konflikten aufzuzeigen und damit die massenmediale Publikationspraxis zu hinterfragen. Und damit ist schon viel gewonnen, wirkt es doch einer eindimensionalen Konfliktdarstellung entgegen.

Internetlinks:

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift iz3w, Ausgabe 343, vom Juli/August 2014 erschienen und wird hier mit deren Erlaubnis erneut veröffentlicht.

Freitag, 5. Dezember 2014

Afrikastereotype im Buchcover


Das erste was wir sehen, wenn wir ein Buch in die Hand nehmen, ist das Cover. Noch bevor wir uns dem Text zuwenden, ist es eine Art Aufmacher, ein Einstieg der Lust machen soll, den Text zu lesen. Wie problematisch dies sein kann und welche Stolperfallen dabei auf dem Weg liegen, ist mir bei der Lektüre des Buches „Die Landkarte der Finsternis“ von Yasmina Khadra aufgefallen. Die Taschenbuchausgabe ist Anfang 2014 im List Verlag erschienen. Hier einige Gedanken dazu.

Zu erst einmal eine Betrachtung auf der Bildebene. Zu sehen ist ein kleiner Junge mit schwarzer Hautfarbe, bekleidet mit einer kurzen weißen Hose. Die Hände hält er über dem Kopf verschränkt. Er dreht dem Betrachter den Rücken zu und steht leicht schräg im Bild auf einer großen weißen Fläche, vermutlich einem Sandstrand. Er schaut in die Ferne, in der am Horizont, der sich ungefähr im goldenen Schnitt befindet, ein Wasserband sowie ein schwarzer Streifen zu sehen sind, die vermutlich zu einer bewaldeten Insel oder einem Küstenstreifen gehören. Als Text sind auf dem Cover der Name des Autors, der Verlag, sowie der Zusatz Roman zu finden. Der Titel lautet „Die Landkarte der Finsternis“.


Nun ist es nachvollziehbar, dass der Betrachter versucht, den Titel mit dem Bild in Verbindung zu bringen. Und ab hier wird es perfide. Finsternis ist ein Begriff der aus dem kolonialen Repertoire der Beschreibung Afrikas stammt. Finsternis beschreibt das Dunkle und damit werden in einer rassistischen Stereotypisierung auch Menschen mit dunkler Hautfarbe verknüpft. Insofern entstehen durch Titel und Bild eine direkte Beziehung zwischen dem schwarzen Jungen und dem Begriff der Finsternis, der eine Reproduzierung rassistischer, kolonialer Denkmuster bedeutet. Dafür ist es grundsätzlich egal, ob der Titel vielleicht sogar ironisch gemeint ist oder was auch immer. Auf dem Cover steht er für sich.

Noch absurder wirkt die Kombination, wenn man den dazugehörigen Roman gelesen hat. Außer dass die beiden weißen Protagonisten, ein deutscher Arzt und ein deutscher Industrieller, auf dem Weg in die Komoren waren, wo es möglicherweise einen solchen Strand gibt, passieren sie einen Strand nur als Gefangene sogenannter „Piraten“. Eine Anleihe, worauf sich das Titelbild bezieht, gibt es somit nicht. Dabei ist natürlich klar, dass Buchcover eine Illustrationsfunktion haben, und das Kaufinteresse wecken sollen und somit oft vom Text abstrahiert ausgewählt werden. Sie sollten aber sowohl sensibel auf den Bildinhalt, als auch das Thema des Buches gewählt werden und stereotypisierte und verquere Konnotationen wie in diesem Fall tunlichst vermeiden.

Natürlich ließe sich weit hergeholt argumentieren, durch den weißen Strand und den blauen Himmel entstehe ein Kontrast zum Begriff der Finsternis. Aber in welche Richtung auch immer mögliche Rechfertigungsstrategien laufen, angesprochen wird der Betrachter durch das Bedienen rassistischer und kolonialer Stereotype. Dies ist mehr als bedauerlich. Dabei soll hier näher nicht darauf eingegangen werden, dass auch der Text selbst eine traurige Wiederholung stereotyper Afrikabilder von Konflikt und Gewalt darstellt und man sich von Yasmina Khadra mehr erwartet hätte.

Aufschlussreich, ist auch ein Vergleich des Titels der französischen Originalausgabe mit seiner deutschen Variante. Im Original heißt das Buch „L’équitation africaine“, was übersetzt so viel heißt wie die afrikanische Gleichung. Insofern ist „Landkarte der Finsternis“ keine Übersetzung, sondern eine neuer Titel und eine verunglückte Reminiszenz auf ein eigentlich überkommen geglaubten Blick auf Afrika. Überzeugungs- und Sensibilisierungsarbeit ist somit nicht nur bei Gestaltern von Buchcovern, sondern auch bei Lektoren und Übersetzern zu leisten.

P.S.: Ein guter Artikel der sich etwas allgemeiner mit dem stereotypen Bild Afrikas im Westen und der Verwendung des Begriffs Finsternis zur Beschreibung von Afrika befasst, stammt vom SZ-Korrespondenten Arne Perras.

Das Auge des Chronisten

  Noch bis zum 15. Januar 2015 ist im Willi-Brandt-Haus in Berlin die Ausstellung "Ara Güler – Fotografien 1950 – 2005" zu sehen. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die türkische Metropole Istanbul, deren Dokumentation sich Güler Zeit seines Lebens verschrieben hat.

02 © Ara Güler, Fischer, Istanbul, 1950

 "Für mich haben Retrospektiven eine tiefergehende Bedeutung als normale Ausstellungen, weil sie eine Zusammenfassung des ganzen Lebens eines Menschen bieten und dem Zuschauer erlauben, tiefer einzutauchen. Sie eignen sich dazu, den Künstler insgesamt zu präsentieren. Ob das dann auch befriedigend ist, hängt natürlich vom präsentierten Werk und der Meinung des Besuchers ab, das kann ich nicht beurteilen. Fest steht für mich, dass sie einen größeren Wert als normale Fotoausstellungen haben."

Der komplette Artikel ist auf dem Onlineportal Qantara zu lesen.



Montag, 17. November 2014

Trainieren für den Krieg

Digitale Videospielbilder von Militärjeeps, die dem Sonnenuntergang entgegenfahren, von explodierenden Sprengfallen am Straßenrand und verletzten Zivilisten sind in der Ausstellung „Ernste Spiele“ von Harun Farocki im „Hamburger Bahnhof“ in Berlin zu sehen. Fiktionale Beschreibungen von Kriegsereignissen, die den realen militärischen Alltag bestimmen. Neben dem gleichnamigen Video-Zyklus aus den Jahren 2009/10, der Computersimulationen der US-Armee zum Training von Soldaten thematisiert, sind im Ostflügel des Bahnhofs auch zwei ältere Arbeiten Farockis zu sehen: das Video „Nicht löschbares Feuer“ (1969) über den Napalm-Einsatz in Vietnam sowie die Zweikanal-Installation „Schnittstelle“ (1995), in der Farocki seine eigene Arbeit mit vorhandenem Bildmaterial reflektiert. Der Titel der Ausstellung „Ernste Spiele“ hat dabei eine zweifache Bedeutung: Zum einen könnten die Inhalte der Filme kaum treffender beschrieben werden, zum anderen ist es jedoch auch ein Fachterminus, der Simulationen beschreibt, die nicht Unterhaltungszwecken dienen.

Die wichtigste und titelgebende Arbeit der Ausstellung besteht aus vier Teilen, die unterschiedliche Aspekte des militärischen Trainings der US-Armee mit Hilfe von Videospiel-Simulationen zeigen. „Ernste Spiele I: Watson ist tot“ zeigt Rekruten in einem Seminarraum der US-Armee in Kalifornien, die in einem Übungsspiel mit Militärjeeps durch eine Wüstenlandschaft fahren. Das Video „Ernste Spiele II: Drei tot“ enthält dokumentarische Filmaufnahmen von einem Manöver auf derselben Militärbasis. Junge Rekruten werden dort bei einem simulierten Anti-Terror-Einsatz gegen arabische Statisten gezeigt. In das Video hinein sind wiederum Bilder aus Computersimulationen geschnitten. „Ernste Spiele III: Immersion“ thematisiert den Einsatz einer Video-Simulation bei einer Testperson zur Behandlung von Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Im letzten Teil des Zyklus „Ernste Spiele IV: Eine Sonne ohne Schatten“ steht die technische Beschaffenheit der Software im Vordergrund, die von den Ausbildern benutzt wird, um die Computersimulationen für die Soldaten so realitätsnah wie möglich zu machen.

Obwohl die Arbeit Farockis nah an einer Videospiel-Ästhetik ist, verfolgt der Zyklus „Ernste Spiele I – IV“ eine klare Botschaft. Zu sehen ist kein naives, spielerisches Trainieren in Simulationen, sondern die Vorbereitung auf den Ernstfall: den Krieg und das Töten im Krieg. Die in den Filmen gezeigten Simulationen haben zum Ziel, die Reaktionsfähigkeit der Soldaten zu verbessern oder deren traumatische Erfahrungen so zu behandeln, daß sie wieder einsatzfähig sind. Das Zyklische und immer Wiederkehrende dieses Prozesses und dieser Kriegspolitik zeigt ein Filmzitat: „Die Bilder zur Nachbereitung gleichen denen zur Vorbereitung des Krieges.“ Worum es eigentlich geht, sind nicht die Bilder, sondern die Perfektionierung militärischen Handelns.

Kontrastiert wird der Zyklus von dem im Vorraum präsentierten Film „Nicht löschbares Feuer“. In einer bitterbösen Satire thematisiert der Film den amerikanischen Napalm-Einsatz im Vietnam-Krieg. Während beide Arbeiten die Thematisierung von „Out of Area“-Einsätzen der USA verbindet, könnten sie sowohl stilistisch wie filmisch nicht gegensätzlicher sein. Der Film „Nicht löschbares Feuer“ ist ein ruckelnder 16-mm-Film in Schwarz-Weiß aus dem Jahr 1969. Duktus und Wortwahl sind geprägt vom damaligen Zeitgeist: Von Betrieben und Arbeitern sowie Herrschenden und Beherrschten ist die Rede, wenn die Verstrickung des amerikanischen Chemieunternehmens Dow Chemical in die Napalm-Produktion beschrieben wird. Wichtige Textstellen werden in fetter Blockschrift eingeblendet. So auch der Satz „Der Schaden der Beherrschten ist der Nutzen der Herrschenden“, der wohl kaum treffender den revolutionären Geist der 70er Jahre und das Dilemma amerikanischer Macht- und Wirtschaftspolitik umschreiben könnte.

Der Grund dafür, Farockis Arbeit „Ernste Spiele“ im Hamburger Bahnhof zu zeigen, ist die Schenkung des Werkes durch den Outset Contemporary Art Fund an das Museum. Schade ist, daß andere Arbeiten aus dem Bestand des Hamburger Bahnhofs, wie die Installation „Auge – Maschine“ (2001–2003), die Fragen der visuellen Kriegsdarstellung anhand des Kuwait-Kriegs nachgeht, nicht dazugenommen wurden. Denn die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Bildern und Krieg ist ein immer wiederkehrendes Thema im Oeuvre Farockis. Schon seit den späten 1960er Jahren beschäftigt er sich mit Fragen der Virtualität und Realität von Bildern. Farockis filmisches Schaffen changiert dabei zwischen Dokumentarfilm und Inszenierung, immer mit dem Finger auf den Wunden der Zeit.

Die Ausstellung "Ernste Spiele" ist noch bis Anfang 2015 im „Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwartskunst“ (Invalidenstraße 50 – 51, Berlin) zu sehen. Weitere Informationen unter www.smb.museum/hbf. Eine Übersicht über Farockis Arbeiten findet sich auf der Website des Künstlers www.farocki-film.de. In der Ausstellung „Schwindelder Wirklichkeit“ in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg sind noch bis 16.12. ebenfalls zwei Arbeiten aus Farockis Werk „Ernste Spiele“ zu sehen.

Der Artikel ist zuerst in der Ausgabe 14/2014 der Berliner Zeitschrift Ossietzky erschienen.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Opening Weekend of „This Place“


Last weekend, at the Dox Center for Contemporary Art in Prague, the world premiere of the exhibition „This Place“ was taking place. The project „This Place“ is an international photography project initiated by French Photographer Fréderic Brenner who invited 11 international photographers to participate in a joint project on Israel and the West Bank. These photographers are Wendy Ewald, Martin Kollar, Josef Koudelka, Jungjin Lee, Gilles Peress, Fazal Sheikh, Stephen Shore, Rosalind Solomon, Thomas Struth, Jeff Wall, Nick Waplington and Frederic Brenner himself. Part of the opening weekend were three roundtables with the participating photographers and a guided tour. Below you find some impressions of the weekend. It was an amazing possibility to get a deeper insight into the work of these well know photographers and an interesting and controversial opportunity to get in touch with questions about the visual representation of Israel and the Palestinian Territories. A review in German and maybe in English of the exhibition will follow here and in different media.

Installation view "This Place" Dox Center Prag


Installation view "This Place" Dox Center Prag

The Wall by Joseph Koudelka, "This Place" at Dox Center Prague

Photobooks from "This Place" at Dox Center Prague

Panel discussion with Jungjin Lee and Stephen Shore at Dox Center Prague

Panel discussion with R. Salomon and T.Struth at Dox Center Prague

Frederic Brenner presenting his work at "This Place" at Dox Center Prague

Joseph Koudelka presenting his work at "This Place" at Dox Center Prague

Rosalind Solomon presenting her work at "This Place" at Dox Center Prague


Samstag, 25. Oktober 2014

CHANGING Realities im U-Bahnhof


Als ich vergangene Woche am Berliner Alexanderplatz aus der U8 stieg, um mir die Ausstellung „CHANGING Realities“ der Berliner Gesellschaft für Humanistische Fotografie anzusehen, die dort im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie gezeigt wird, war ich zu erst einmal verloren. In Erwartung einer Ausstellungspräsentation auf dem Bahnsteig, die ich nicht vorfand, verließ ich den Tunnel, um nacheinander alle anderen Bahnsteige am Alex abzuklappern, bevor ich mich an einen BVG-Mitarbeiter wendete. Der wies mich dann darauf hin, dass die Bilder auf den Plakatwänden hinter den Gleisen hängen würden. Damit ist ein spannender  Moment angesprochen, der Teil der Ausstellungskonzeption ist. Was die Ausstellung schafft, ist die Konfrontation mit unseren Sehgewohnheiten und unserer Konditionierung von Seherwartungen und wurde mir exemplarisch zum Verhängnis.


Blick in die Ausstellung - @ GfHF

„CHANGING Realities“ nutzt die Werbeflächen auf den normalerweise dem kapitalistischen Konsum gehuldigt wird, als Ausstellungsfläche. Jede der 18 Arbeiten, die in einem Wettbewerb von über 160 Einreichungen ermittelt wurden, ist mit einem die Werbetafel ausfüllenden Bild vertreten. So ist es zu erst ein Mal die schiere Größe der Bilder die beeindruckt. Eigentlich sind alle gezeigten Arbeiten umfangreiche Fotostrecken, die auf der Webseite des Projekts (www.changingrealities.de) einsehbar sind. Die Tafeln funktionieren als Fenster und versehen mit kurzen Texten erzählen sie 18 verschiedene Geschichten, über ein anderes Europa der Utopien und der sozialen Kämpfe. Die Themen reichen von der Lampedusa Gruppe in Hamburg, über eine Kommune in Estland bis Widerstand gegen Stuttgart 21. Etwas verwirrend ist, dass die Präsentation, unterstützt durch das Layout und die Sponsorennennung, sich so perfekt in die Werbetafeln einfügt, dass man die Ausstellung erst auf den zweiten Blick von klassischer Werbung unterscheiden kann. Verweilt man jedoch einen Moment auf dem Bahnsteig, so wird man Gewahr, dass die Wartenden die Bilder mit größerer Aufmerksamkeit betrachten, als es in der Regel den Konsumanreizen vergönnt ist. Somit schafft „CHANGING Realities“ einen tollen Sprung vom White Cube einer Galerie hinein ins Leben und den Alltag der Menschen und ist damit selbst Beispiel für die Möglichkeit Realitäten zu verändern. Diesen Mut wünscht man mehr Fotoprojekten.

Die Ausstellung ist noch bis 3. November zu den Öffnungszeiten der U-Bahn auf dem Bahnsteig der U8 am Alexanderplatz zu sehen. „CHANGING Realities“ ist ein Projekt der Berliner Gesellschaft für Humanistische Fotografie und wurde von Katharina Mouratidi kuratiert.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Über das Bloggen


Vor kurzem las ich auf dem Blog Fotomonat von Michael Mahlke einen interessanten Beitrag, der sich mit der Zukunft von Blogs über Fotografie beschäftigte. Während ich mich einerseits darüber freute, dass mein eigener Blog und der Wechsel zum Medium Buch, den ich dieses Jahr vollzog, dort Erwähnung fand, so löste dies andererseits auch eine Reflektion darüber aus, welche Funktion dieser Blog und das Bloggen an sich noch für mich besitzen. Vor allem im letzten halben Jahr ist mir aufgefallen, dass es mir zunehmend schwer fällt, regelmäßig Texte für meinen Blog zu finden. Als ich mit dem Bloggen vor mehr als vier Jahren anfing, war das Ziel, neben dem lang angelegten Projekt meiner Dissertation ein Forum zu haben, auf dem ich Randaspekte meines Themas ansprechen und zur Diskussion stellen kann und mich gleichzeitig in der Praxis des Schreibens zu üben. Damals hatte ich das Privileg, von einem Promotionsstipendium zu leben und konnte es mir leisten, ohne finanzielle Überlegungen zu bloggen. Heute dagegen bin ich darauf angewiesen, freiberuflich mein Geld zu verdienen um mein Promotionsvorhaben zu beenden. Damit steht bei der Verfügung über meine Zeitressourcen grundsätzlich die Frage im Raum, ob ich diese fürs Geldverdienen oder andere Projekte verwende. Seit ich Anfang des Jahres angefangen, Texte klassischen Medien anzubieten, ist daraus indirekt eine interne Konkurrenz entstanden. Seitdem ich regelmäßig im Neuen Deutschland, Qantara, der iz3w oder anderen Publikationen aus dem Bereich der Fotografie veröffentliche, gehen Texte, die ich früher auf meinem Blog stellte, nun dorthin. Es bleibt nur ein kleines Segment von Texten, die eher essayistischen und selbstreflexiven Charakter haben und die sich für diese Medien weniger eignen und deshalb im Blog weiterhin ihren Platz haben.

Neben der Frage des Geldes und damit verknüpft der Zeitressourcen ist ein weiterer Aspekt das Publikum. Über lange Zeit dümpelte mein Blog bei 300 – 400 Besuchen pro Monat vor sich hin. Diesen Sommer knackte ich erstmals die 750er Marke. Trotz allem immer noch recht beschaulich. Texte die in klassischen Medien wie Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht werden erreichen – auch wenn sie nur Nischen abdecken – meist eine mindestens vierstellige, oft aber auch eine fünfstellige Auflage und damit in jedem Fall ein breiteres Publikum. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Besucher meines Blog sich darüber hinaus auch auf die einzelnen Texte aufteilen, bleiben recht wenig Leser. Und die Interaktion war bisher verschwindend gering. Nun ist natürlich zu fragen, womit die geringe Anzahl von Besuchern zu erklären ist. Auch das simultane Bespielen verschiedener Socialmedia-Kanäle wie Twitter, Facebook und Linkedin hat daran nichts grundsätzlich geändert. Mangelnde Werbestrategien, große Konkurrenz von Blogs im Bereich der Fotografie sowie das Abdecken eines speziellen Themas mit „Fotografie und Konflikt“ sind sicher einige der Gründe. Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern und vermutlich werde ich eher den Weg, die klassischen Medien zu bespielen, weiter verfolgen. Dem Blog käme dann eher die Funktion eines Themenspeichers zu, in dem meine thematische Auseinandersetzung gebündelt und externe Artikel verlinkt werden können. Für die Zukunft wird es darüber hinaus entscheidend sein Formate zu finden, in denen auch eher kurze Texte und Gedankensplitter den Weg in meinem Blog finden und sich damit von längeren, ausgereifteren Artikeln absetzen. Vielleicht besteht darin eine Möglichkeit, den verschiedenen Anforderungen unterschiedlicher Medien zu begegnen und für jedes die richtige Form und die richtige Nutzung zu finden.