Freitag, 18. Juli 2014

Aktuelle Literatur über Fotojournalismus


Im Rahmen der Wiederaufnahme meiner Recherchen über Fotojournalismus und Kriegsfotografie bin ich den vergangenen Wochen auf verschiedene sehr interessante und aussagekräftige wissenschaftliche Artikel zum Thema gestoßen. Einige davon möchte ich im Folgenden kurz vorstellen. Nur ein Teil der Artikel ist dabei frei zugänglich. Andere sind nur über gut bestückte wissenschaftliche Bibliotheken in gedruckter oder zum Teil in digitaler Form sowie zum Kauf bei den entsprechenden Verlagen erhältlich. Mir ist es trotz der erschwerten Zugänge wichtig diese zu erwähnen, da sie für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema von großer Bedeutung sind.

In einem feuilletonartigen Artikel für das Magazin Fotogeschichte setzt sich Agnes Matthias mit dem Verhältnis von künstlerischen und journalistischen Positionen im Fotojournalismus auseinander. Dabei geht es vor allem um die Diskursverschiebung die mit einer Verschiebung journalistischer Bilder aus einem pressefotografischen Kontext in einem musealen Kunstkontext einhergeht. Sie geht dabei auf zeitgenössische Arbeiten von James Nachtwey, Luc Delahaye und Paul Seawrigth ein.

Matthias, Agnes (2004): Die Fotografie, der Krieg und das Feuilleton, in: Fotogeschichte, Jahrgang 24, Heft 94, S. 43 – 55.

Mit Fragen der Ethik und den Facetten professioneller Integrität im Fotojournalismus befasst sich der kanadische Historiker Vincent Lavoie. Er ist Autor des leider bisher nur auf Französisch erschienenen Bandes „Photojournalismes“ und schreibt regelmäßig für die französische Zeitschrift „études photographiques“. Dieser Artikel ist einer der wenigen auf Englisch verfügbaren Texte der Zeitschrift.

Lavoie, Vincent (2010) "Photojournalistic Integrity - Codes of Conduct, Professional Ethics, and the Moral Definition of Press Photography." études photographiques 26.
http://etudesphotographiques.revues.org/3462

Über einen Vortrag auf der Konferenz „Image Operations“ dieses Frühjahr in Berlin bin ich auf die Forschungstätigkeit von Zeynep Günsel aufmerksam geworden. Sie untersucht das Berufsfeld des Fotojournalismus aus der Perspektive der Medienethnologie und –anthropologie. Für diesen Artikel hat sie mehrere Wochen bei der zentralen Bildredaktion der französischen Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) recherchiert und beschreibt die Routinen der Bildauswahl die dort vorherrschen.

Gürsel, Zeynep Devrim (2012): "The politics of wire service photography: Infrastructures of representation in a digital newsroom." AMERICAN ETHNOLOGIST 39 (1):  71–89.
http://americanethnologist.org/2012/wire-service-photography-digital-newsroom/

In einem von der World Press Photo Academy in Amsterdam und der Fotofederatie in den Niederlanden finanzierten Rechercheprojekt ist der amerikanische Medienwissenschaftler und Fotografietheoretiker David Campbell dem „Visual Storytelling“ auf den Grund gegangen.

Campbell, David (2013). Visual Storytelling in the Age of Post-Industrialist Journalism. Amsterdam, World Press Photo Academy.
http://www.worldpressphoto.org/multimedia-research

Dem Wesen der sogenannten „Editorial Photography“ geht die australische Journalismusforscherin Louise Grayson auf den Grund. Sie verfügt neben ihrer akademischen Laufbahn über eigene Erfahrungen als Journalistin und Dokumentarfotografin.

Grayson, Louise (2013): "Editorial Photographs and Patterns of Practice." Journalism Practice 7 (3):  S. 314 - 328.

Zwei relativ aktuelle und sehr umfassende Artikel über die Geschichte der Kriegsfotografie stammen von Lilie Chouliaraki und Michael Griffin. Chouliaraki setzt sich in ihrem Essay mit Fragen nach der Humanität der Kriegsdarstellung und dem Zeigen von Leid auseinander während Griffin sich mit dem Mythos des Vietnam-Kriegs und seinen Folgen auf die fotografische Dokumentation des Irak- und des Afghanistankrieges beschäftigt.

Chouliaraki, Lilie (2013): "The humanity of war: iconic photojournalism of the battlefield, 1914-2012." Visual Communication 12 (3):  S. 315 - 340.
Griffin, Michael (2010): "Media images of war." Media, War & Conflict 3 (1):  7–41.

Diese Liste ließe sich fortsetzen. Über den Austausch und Hinweise zu weitere interessanten Artikeln über die Kommentarfunktion freue ich mich.

Montag, 14. Juli 2014

Seminar "Fotografie im Konflikt"


Der israelisch-palästinensische Konflikt ist einer der am längsten schwelenden internationalen Konflikte. Dabei macht der Konflikt vor allem durch eine oft stereotypisierte Bildberichterstattung von sich reden. Das Seminar „Fotografie im Konflikt - Der israelisch-palästinensische Konflikt im Blick des Fotojournalismus“ nähert sich diesem Thema systematisch an und schlüsselt die Produktions- und Publikationsbedingungen des Fotojournalismus in der Region auf. Es richtet sich an Menschen, die sich für die Fotografie als journalistisches Medium interessieren und die den Nahostkonflikt und seine mediale Darstellung analysieren und verstehen möchten. 


Die Teilnehmer_innen lernen dabei die relevanten Akteure des Bildermarktes und die Vielfalt fotojournalistischer Ansätze kennen. Sie verfügen am Ende über die Fähigkeit zur kritischen Lektüre von Bildern. Ziel des partizipativ angelegten Seminars ist die Vermittlung eines kritischen und reflektierten Umgangs mit Bildmaterial aus Krisenregionen. Geleitet wird der Workshop vom Berliner Kommunikationswissenschaftler und Nahostexperten Felix Koltermann, als Gast ist der Fotograf Kai Wiedenhöfer eingeladen.

Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich!


Seminarzeiten
Freitag 26.9.14, 18 bis 20 Uhr
Samstag 27.9.14, 10 bis 18.30 Uhr
Sonntag 28.9.14, 10 bis 13.30 Uhr

Veranstaltungsort:
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Raum: Seminarraum
10967 Berlin, Kottbusser Damm 72
Nähe U-Bahnhof Hermannplatz

Donnerstag, 10. Juli 2014

Crowdfunding im Fotojournalismus


Auf dem Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover vor zwei Wochen gab es einen Thementag zum Crowdfunding. Von den angekündigten Infoständen und Vorträgen blieben leider nur die Vorträge übrig. Für diese waren der holländische Fotograf Rob Hornstra, die deutschen Fotografen Claudius Schulze und Kai Wiedenhöfer, die amerikanische Filmemacherin Sarah Mabrouk sowie Sebastian Esser vom Online-Magazin Krautreporter eingeladen. Leider fehlte eine Moderation durch den Tag, so dass die zusammenfassende Betrachten der verschiedenen Optionen sowie eine kritische Diskussion und Einordnung des Themas dem Besucher vorbehalten blieb.

Claudius Schulze beim Vortrag auf dem LUMIX Festival

Zu Beginn einige grundsätzliche Worte zum Crowdfunding. Diese relativ neue Form der Finanzierung basiert auf dem Sammeln von Geld durch die Crowd, auch Schwarm genannt, also die Gemeinschaft der Internetnutzer. Die Grundidee ist, über die direkte Vermarktung des eigenen Produkts oder der eigenen Idee viele kleine Geldbeträge zu sammeln um auf die benötigten Investitionssummen zu kommen. Damit soll Finanzierungslücken, die durch die weltweite Medienkrise entstanden sind, entgegengewirkt werden. Grundsätzlich ist zwischen dem „reward based“ und dem „donation based“ Crowdfunding zu untscheiden. Beim ersten Prinzip erhalten die Geldgeber ein Produkt oder eine immaterielle (Dienst-) Leistung für ihren Geldbetrag. Darunter finden sich oft kleine Gimmicks wie Postkarten oder Stoffbeutel, die finanzierten Produkte wie z.B. Fotobücher oder die Einladung zu speziellen Events. Das zweite Modell ist mit der klassischen Spende vergleichbar, wo der Geldgeber keine Gegenleistung bekommt. Crowdfunding für journalistische Projekte funktioniert meist nach dem „reward based“ Prinzip. Eine weitere Möglichkeit ist das sogenannte Crowdinvestment. Dies wird vor allem von Start-Up Unternehmen genutzt. Dabei ist mit dem Crowdinvestment meist die Übertragung eines Unternehmensanteils oder die Beteiligung an möglichen Gewinnen verbunden.

Den Auftakt des Thementages beim Lumixfestival bildete ein toller und sehr inspirierender Vortrag des niederländische Fotografen Rob Hornstra. Er finanzierte große Teile seines mehrjährigen in Zusammenarbeit mit Arnold van Bruggen entstandenen „The SotchiProject“ über Crowdfunding. Er zeigte, wie hoch die Meßlatte liegt wenn es um das Crowdfunding geht und wie eine perfekte Vermarktung einher gehen kann mit einem qualitativ hervorragenden Fotografie-Projekt und erfolgreicher Acquise im Internet. Der zentrale Moment ist dabei laut Hornstra dass die Unterstützer in den Fotografen, nicht in sein Projekt investieren. Sie geben Geld weil sie einen Menschen persönlich kennen und dies Glaubwürdigkeit verleiht. Und der größte Teil der Arbeit ist laut Hornstra diese Gruppe der Unterstützer, die eigene Community, zu pflegen. Dazu gehört das Beantworten von Emails, das Organisieren privater Events, ect. Das ist sozusagen das Privileg, was sich die Community mit der Unterstützung des Projekts erkauft. Aufschlussreich war Hornstras Einschätzung des Interessentenkreises. Er sprach von mehreren konzentrischen Kreisen um den Fotografen, ausgehend von dessen Lebensmittelpunkt und Bekanntheitsgrad. Der erste Kreis besteht klassischerweise aus Familie und Freunden, der zweite aus der Stadt in der er lebt, der dritte aus seinem Land, der fünfte aus Europa und der letzte einem weltweiten Publikum. Hornstra warnte davor dem Hype zu verfallen und zu erwarten dass man plötzlich Unterstützer aus der ganzen Welt bekommen würde: die wichtigste Community sei immer noch im engeren Umfeld und im eigenen Land zu finden.

Hornstra schlachtete in seinem Vortrag dann auch gleich noch einige heilige Kühe des Fotojournalismus, in dem er dazu aufrief die leidige Diskussion über das mangelnde Geld in den Medien zu beenden und Bilder auch umsonst zum Abdruck freizugeben. Ganz umsonst? Na ja insofern, als dass es keine direkten Geldzahlungen gibt, aber die entsprechenden Publikationen dann wiederum Anzeigen für die eigenen Bücher oder die Crowdfundingaktion drucken. Hornstra erläuterte dies am Beispiel der Kooperation mit dem Magazin „Foreign Affairs“. Diese Kooperationen seien wichtig, um das Publikum zu erhöhen, so Hornstra. Und für das Publikum ist der wichtigste Moment das Bespielen diverser Socialmedia-Kanäle. Hornstra und van Bruggen posten dort vor allem Inhalte, kleine Geschichten die während der Arbeit entstehen und halten so die Unterstützer bei der Stange. Dass dies erfolgreich ist zeigte sich an den 25.000 Euro die von den beiden über vier Jahre jährlich eingesammelt wurden.

Das man Crowdfunding auch völlig anders verstehen kann zeigte der Vortrag des deutschen Fotografen ClaudiusSchulze. Er finanzierte sein erstes Fotobuch „Socotra“ sowie Teile seines aktuellen Projekts „Naturzustände“ über Crowdfunding. Dabei kam er ohne die Hilfe einer Crowdfundingplattform aus und sammelte sein Geld allein über seinen Emailverteiler und Ankündigungen auf seiner Webseite ein. Entsprechend bescheiden waren auch seine Einkünfte. Für sein Buch „Socotra“ sammelte er 6.500 Euro durch den Verkauf einer Special Edition des Buches mit einem Abzug ein. Die Unterstützer wurden auf der letzten Seite des Buches genannt. Sein Publikum waren bei seinem ersten Projekt vor allem Familie und Freunde. Bei seinem zweiten Projekt „Naturzustände“ konnte er schon auf einen professionell geführten Emailverteiler zurückgreifen und seinen Kreis ausweiten. Interessant war Schulzes Hinweis, wie wichtig es sei mit dem eigenen Projekt eine bestimmte Zielgruppe zu finden. So hatte sein Buch „Socotra“ weniger in der Fotobuchcommunity als unter Inselforschern Erfolg, wo er einen Großteil seiner Bücher absetzte. Dies zeigt wie das Suchen spezieller Fachpublika zum Erfolg führen kann.

Den klassischen Weg des Crowdfunding über eine bestehende Crowdfunding Plattform wählte der Berliner Dokumentarfotograf Kai Wiedenhöfer. Im Vortrag stellte er die Kampagne zur Teil-Finanzierung seiner Ausstellung „Wall on Wall“ vor, die auf Kickstarter lief. 2013 plakatierte er Teile seines Projekts über Grenzzäune und –wälle weltweit auf den Resten der Berliner Mauer. Wiedenhöfers Vorgehen ist insofern atypisch als dass sein Projekt mit sehr kurzer Vorbereitungszeit entstand. Dies ist auch dem Video anzusehen. Trotz allem hatte er Erfolg und sammelte fast 15.000 Euro ein.

Die verschiedenen Vorträge zeigten, dass Crowdfunding auf der einen Seite ein sehr weiter Begriff ist, unter den sehr verschiedene Formen der Finanzierung fallen. Auf der anderen Seite wurde deutlich, dass diese Formen nicht immer neu sind, wie erfolgreiche Finanzierungsstrategien über Editionen im Freundes-, Familien- und Kollegenkreis zeigen. Dies weist darauf hin, dass jedes Projekt seine eigene Form der Finanzierung finden muss, die auf den Inhalt des Projekts, den Fotografen, seine Netzwerke und seine Ressourcen (zeitlich, finanziell, ...) zugeschnitten ist. Ein großer Vorteil des Crowdfunding ist, dass ein Projekt mit der Onlinepräsentation schon eine gewisse Öffentlichkeit bekommt. Damit ist auch ein Teil der Bewerbung schon erledigt und es baut sich ein Kreis von Interessierten auf, der am finalen Produkt (Ausstellung, Buch, ...) Interesse hat. In jedem Fall ist Crowdfunding weder eine Geldmaschine noch die Lösung für Probleme im traditionellen Journalismus sondern zuallererst ganz einfach viel Arbeit.

In einem weiteren Blogbeitrag habe ich einige Links zu Literatur zum Thema, zu Ratgebern, Studien und Crowdfundingplattformen zusammengestellt.

Infos zum Thema Crowdfunding im Netz

Hier ist eine Liste der wichtigsten Crowdfunding Plattformen im Netz. Mittlerweile haben die meisten eigene Sektionen zum Thema Fotografie die hier verlinkt werden. Die Plattform Krautreporter wird nicht mehr aufgeführt da sie im Moment nach dem Start des eigenen Onlinemagazins keine Finanzierung externer Projekte anbietet. Für die Zukunft ist dies wieder geplant.

Projekte zum Thema Fotografie bei Startnext

Projekte zum Thema Fotografie bei Indiegogo

Projekte zum Thema Fotografie bei Kickstarter


Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Artikeln und Ratgebern zum Thema Crowdfunding im Netz. Relativ wenig gibt es speziell auf den Bereich Journalismus bezogen. 

Info-Portal Crowdfunding Berlin

Crowdfunding Ratgeber von IKOSOM

Beitrag aus der Redaktionswerkstatt von Journalist Online über Crowdfunding 

Älterer Beitrag von David Campbell über Fotojournalismus und die Crowd

Präsentation zu Journalismus und Crowdfunding bei Mediafunders


Merkblatt von 2011 vom Deutschen Fachjournalisten Verband




Ein gescheitertes Experiment für das Crowdfunding im Fotojournalismus war die Plattform emphas.is, die im Jahr 2013 Insolvenz anmeldete. 

Artikel vom British Journal of Photography zu emphas.is

Noch aktive Facebook-Seite von emphas.is




Montag, 7. Juli 2014

Zu Besuch bei Thesip in Tel Aviv


Versteckt in einem Industriegebiet, nur wenige Häuser vom Stammsitz der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ entfernt, befinden sich im dritten Stock eines unscheinbaren Bürogebäudes die Räume des „Sphilman Institute for Photography“. Wer den Weg hierher findet wird belohnt mit einem einzigartigen Einblick in die Geschichte der Fotografie im Allgemeinen und in Israel im Besonderen. Vor 2 Jahren gegründet hat sich das gemeinnützige und aus der Initiative des Sammlers Shalom Sphilman entstandene Institut schnell einen Namen nicht nur in der Fotografieszene Israels, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus gemacht. Auch wenn angesichts der Größe des Landes Israel über ein erstaunlich hohe Dichte an hochkarätigen Institutionen im Bereich Fotografie verfügt, von Sammlungen in Museen, Hochschulen bis hin zu Galerien, so hat ein Forschungsinstitut bisher noch gefehlt. Diese Lücke schließt das Sphilman Institute unter anderem auch mit der Ausrichtung von Konferenzen und der Ausschreibung von Forschungsstipendien.


Noch bis August ist in der Galerie des Instituts die Ausstellung „The double exposure project“ zu sehen. Es ist ein Querschnitt durch die Sammlung die hier präsentiert wird. Das besondere ist, dass es zu jedem Bild ein Video gibt, in dem sowohl der/die Fotograf/in als auch der/die Kurator/in zu dem Werk Stellung beziehen. Die Videos sind sowohl auf kleinen tragbaren Geräten vor den Werken anzusehen, als auch hintereinander als Projektion. Damit wird ein interessanter Dialog über Fotografie hergestellt, genau das, was das Ziel der Sammlung ist. Erwähnung finden sollen an dieser Stelle vor allem einige eher dokumentarisch angehauchte Arbeiten israelischer Künstler, die in der Ausstellung zu sehen sind. So ist von der Künstlerin Nira Pereg das Video „Sabbath“ zu sehen. Es zeigt in verschiedenen Einstellungen junge orthodoxe Juden die mit Metallgittern das Stadtviertel Mea Shearim in Jerusalem absperren. Verstärkt wird die Wirkung durch das Geräusch des Metalls auf dem Boden als Soundkulisse. Kommentiert wird das Video unter anderem von Boris Groys der die Arbeit zu einer Ausstellung zum Thema Religion ins ZKM nach Karlsruhe einlud. Vom israelischen Fotojournalisten Oded Balilty ist ein Bild eines Autowracks in einem Eukalyptuswald zu sehen. Es ist Teil einer Serie mit der Balilty dem automobilen Zivilisationsschrott im Land visuell auf den Grund geht. Das sanfte Licht und der Eukalyptuswald sind typisch für die israelische Landschaft. Andere interessante Bilder in der Ausstellung stammen von Adi Nes, Simcha Shirman und Gaston Zvi Ickowicz.

Besonders empfehlenswert ist jedoch die Führung durch die Sammlung Sphilman. Innerhalb weniger Jahre hat das Institut über 900 Werke zusammengetragen. In großen Rollschränken hängen gerahmt und in Originalgröße die Schätze der Sammlung. Darunter finden sich sowohl Werke aus der Frühgeschichte der Fotografie und Klassiker von Berenice Abbott, Man Ray oder László Moholy-Nagy als auch weltbekannte zeitgenössische Fotografie z.B. von Thomas Ruff und ein hervorragender Querschnitt durch die israelische Fotografie. Fast alle namhaften israelischen Fotografen sind vertreten: Adi Nes, Dror Guez, Gilad Ophir, Gaston Zvi Ickoviz, etc. um nur einige zu nennen.

Was etwas erstaunt, ist die völlig unpolitische Position die das Institut zumindest nach außen hin offiziell einnimmt. Erstaunlich insofern als dass viele der zeitgenössischen israelischen Fotografen der Sammlung sehr politische Projekte machen und auch die Geschichte des Fotografie in Israel aufs engste mit dem Zionismus und damit dem politischen Umfeld verbunden ist. Im Gespräch sagte eine Mitarbeiterin, dies habe unter anderem mit der schwierigen innenpolitischen Situation in Israel unter dem Premierminister Netanjahu zu tun, wo dezidiert politische und gesellschaftskritische nicht gern gesehen sei. Dies ist schade und zeigt wie sehr die politische Situation auch das kulturelle Leben in Israel beeinflusst. Trotz allem bleibt zu hoffen, dass unter dem Deckmantel des Instituts der israelischen Fotografie der kritische Raum zur Diskussion gegeben werden kann, der ihr gebührt.



Mittwoch, 2. Juli 2014

Berliner Bildwelten


Im Juni zeigte sich wieder einmal warum sich Berlin mittlerweile zur heimlichen Fotografiehauptstadt Deutschlands, wenn nicht gar Europas gemauschelt hat. Drei hervorragende Ausstellungen sind bzw. waren bis vor kurzem zu sehen, die sowohl durch die Verschiedenheit ihrer fotografischen Ansätze als auch die Vielfalt der Ausstellungsorte bestechen, an denen sie zu sehen sind. Darunter sind die Ausstellung von Zanehe Muholi im Schwulen Museum, von Herlinde Koelbl im Deutschen Historischen Museum und von Hans-Christian Schink in der Alfred-Ehrhardt-Stiftung. Im Folgenden ein kleiner Streifzug durch Berlin und die Werke der Fotografen.

Unscheinbar in einem Ladenlokal in der feinen Auguststrasse in Berlin Mitte liegen die Räume der privaten Alfred-Ehrhardt-Stiftung. Gegründet um den Nachlass des Naturfotografen Alfred-Ehrhardt zu verwalten zeigt die Stiftung neben Ausstellungen aus dem Nachlass ein hervorragend kuratiertes Programm zur fotografischen Auseinandersetzung mit der Natur. Bis Ende Juni war dort die Ausstellung Tohoku von Hans-Christian Schink zu sehen. Schink setzt sich darin mit der zerstörten Küstenlandschaft Japans nach dem Tsunami auseinander. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Forum für Fotografie in Köln und war zur gleichen Zeit dort zu sehen. Im linken Teil der Galerie sind drei quadratische Prints Schinks zu sehen, welche die winterliche, teils verschneite Küstenlandschaft zeigen. Poetisch und zurückhaltend zeigt sich hier die große Kraft von Schinks Naturfotografien. Im zweiten Raum der Galerie reihen sich Aufnahmen zerstörter Gebäude aneinander. Stark sind diese, wenn sie einen Schritt zurücktreten und die Gebäudereste in der Landschaft zeigen. Dann wird deutlich, mit welch unglaublicher Kraft der Tsunami ganze Häuser versetzt und Küstenareale leergefegt hat.


Bisher weniger als Zentrum für Fotografie in Erscheinung getreten ist das Deutsche-Historische Museum, zentral an der Prachtstrasse Unter den Linden gelegen. Noch bis zum Oktober ist dort die Ausstellung „Targets“ der deutschen Fotografin Herlinde Koelbl zu sehen. Die Arbeiten werden in den tollen Ausstellungsräumen des Museumsneubaus gezeigt. Mit „Targets“ widmet sich Koelbl, die sich einen Namen vor allem durch ihre fotografischen Portraits gemacht hat, Truppenübungsplätzen und Schießständen auf der ganzen Welt. Fast 30 Länder auf verschiedenen Kontinenten hat sie bereist. Im 1. Stock sind vor allem großformatige Bilder von Schießständen zu sehen, im 2. Stock finden sich Bilder von militärischen Trainingsgeländen. Kombiniert werden diese Bilder mit Porträts von Soldaten und Zitaten aus Interviews, die die Fotografin mit Soldaten führte. Weniger die fotografische Qualität der Bilder – es zeigt sich dass Koelbl weniger Erfahrung mit Landschaft als mit Studio- und Porträtfotografie hat – als das Konzept überzeugen. Dem militärischen Training und deren Parallelen über die Grenzen hinweg auf die Spur zu kommen ist ein interessanter Ansatz. Erschreckend ist zu sehen, wie sich an der Anlage der Übungsorte die Feindbilder der Epoche erkennen lassen, wenn z.B. us-amerikanische und israelische Retortenstädte von Minaretten überragt werden. Am schwächsten sind die Porträts, bei denen man sich fragt, was die Intention dabei ist einzelne Gesichter mit einer Nationalität zu konnotieren.

Eine weitere herausragende Fotoausstellung war bis Ende Juni im Schwulen Museum zu sehen, das sich in der Nähe des Tiergartens in der Lützowstrasse befindet. Das Museum widmete der südafrikanischen Fotografin Zanele Muholi eine umfangreiche Einzelausstellung. Die Ausstellung zeigt Muholis fotografische Auseinandersetzung seit den 1990er Jahren mit der ‚schwarzen‘ queeren, v.a. lesbischen Community in Südafrika und anderen afrikanischen Ländern. Zu sehen sind Porträts aus verschiedenen Schaffensphasen. Darüber hinaus sind zwei Video-Arbeiten zu sehen. Herausragend ist vor allem die in Farbe fotografierte Arbeit „Beeing series“ (2007) in denen Muholi den Alltag lesbischer Beziehungen zeigt. Toll ist, dass in den Porträts, die auch Nacktaufnahmen einschließen, der voyeuristische Blick, sexistische Blick der aus weiblichen Aktfotografien nur zur Genüge bekannt ist, völlig abwesend ist. Die Ausstellung ist in Kooperation mit Amnesty International entstanden und zeigt damit die politische Bedeutung von Muholis Fotografie für den Kampf der LGBT Community für Menschenrechte in Afrika. An den Arbeiten wird deutlich, wie die Fotografie den Rahmen heteronormativer Geschlechterordnungen sprengen und in neue Formen visueller Repräsentation übertragen kann


Links zu den Institutionen und Ausstellungen:



Mittwoch, 18. Juni 2014

Die Mauer im Niemandsland


Wie unterschiedlich die politische Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten in Kunstausstellungen reflektiert wird und auf welche Metaphern dabei zurückgegriffen wird, zeigen zwei Ausstellungen die zur Zeit in Jerusalem und Ramallah zu sehen sind. Die Ausstellung „No Man’s Land“ im Jerusalem Artist House zeigt Arbeiten israelischer und internationaler Künstler, die Ausstellung „Keep an Eye on the Wall“ im Deutsch-Französischen Kulturzentrum in Ramallah dagegen Arbeiten palästinensischer und eines deutschen Fotografen. Während „No Mans Land“ eher allgemein auf den Begriff des Niemandslands rekuriert und von allen Seiten betrachtet, bezieht sich „Keep an Eye on the Wall“ direkt auf die israelische Sperranlage als Objekt künstlerischer Auseinandersetzung.

Blick in die Ausstellung in Ramallah

 Die in Jerusalem zu sehende Ausstellung „No Man’s land“ wurde von Marie Shek kurariert und zeigt 9 Arbeiten, darunter Installationen, Malerei, Fotografie und Videoarbeiten, die auf unterschiedliche Art und Weise Grenzräume und Übergänge thematisieren, mal mehr, mal weniger politisch. Interessant aufgrund ihrer politischen Positionierung sind vor allem die gezeigten Foto- und Videoarbeiten, insbesondere diejenigen, die sich auf den lokalen Kontext beziehen. Der israelische Künstler Assaf Shoshsan z.B. zeigt einen 8-minütigen Film auf dem aus einer festen Kameraposition ein Beduinenzelt gefilmt wird, in dass immer mehr Menschen strömen, ohne dieses wieder zu verlassen und thematisiert damit den vom israelischen Staat erzwungenen Stop der Wanderungsbewegungen der Beduinen. Der israelische Fotograf Ohad Matalon hat ebenfalls im Süden Israels in der Negevwüste geheime israelische Militäreinrichtungen fotografiert, die als als Schwarz-Weiß Negativbild digital an die Wand projiziert werden. Der Charakter des Verbotenen wird hier durch die Ästhetik des Negativbildes verstärkt. Großformatige Prints der israelischen Künstlerin Ariane Littmann zeigen Bilder aus einer Fabrik in der Schutzausrüstung für die US-Truppen im Irak gefertigt wurde. Hinter einem orangenem Vorhang, welcher der Arbeit die Farbigkeit gibt, beobachtete sie einen Schweißer der an geheimen Rüstungsprojekten arbeitete.

Gemeinsam ist diesen Arbeiten, dass sie sehr konzeptionell ausgerichtet sind und die politische Botschaft sich erst durch den Text  erschließt. Kritik an den herrschenden Verhältnissen in Israel wird nur über Umwege geäußert. Schade ist, dass das Thema Niemandsland in seiner direkten Bedeutung nicht thematisiert wird. Denn gerade die Grenzregionen zwischen Israel und dem Gazastreifen oder die von der Sperranlage geschaffenen, sogenannten „Seamzones“ hätten sich dafür hervorragend geeignet. So ist Niemandsland ein gutes Beispiel für eine vergeistigte, konzeptionelle Ausstellungskultur, wie sie nicht nur in Israel Gang und Gebe ist. Das Politische verschwindet hier im Subtext. Somit richten sie auch keinen Schaden an, schockieren nicht und stehen auf gewisser Weise für die Entpolitisierung der israelischen Gesellschaft und die Ausblendung des Konflikts mit den Palästinensern.

Einen ganz anderen Ansatz wählt die Ausstellung „Keep an Eye on the Wall“. Aus dem gleichnamigen, bei Saqi Books in London erschienenen Buch, wählten die Kuratoren Sandra Monac und Monica Santos die als Masasam firmieren 5 Arbeiten aus, vier palästinensische, eine deutsche. Der aus Gaza stammende und in Frankreich lebende Künstler Taysir Batniji zeigt direkt gegenüber dem Eingang der Galerie in einem zu einer Seite offenen Raum eine Wandinstallation mit Bilder von Graffitis auf den Wänden in Gaza. An den Außenseiten des Kubus sind drei Bilder von Kai Wiedenhöfer der Mauer zwischen Israel und der Westbank im Panoramaformat zu finden. An den beiden Stirnseiten der Galerie finden sich Bilder der jungen palästinensischen Künstlerin Raeda Sadeh, in denen sie sich methaporisch mit der Mauer beschäftigt. Berührend ist vor allem ihr inszeniertes Porträt eines weiblichen Engels vor der Mauer. Zwei weitere Arbeiten, die die Außenwände zieren, sind eine Serie der Jerusalemer Fotografin Rula Halawani mit Bildern von Toren in der Sperranlage rund um Jerusalem mit der sie auf die Parallelität zu den Stadttoren Jerusalems hinweist, Titel „Gates of Heaven“, sowie Arbeiten aus der Serie „Disturbia and Metamorphosis“ des in Berlin lebenden Künstlers aus Ost-Jerusalem Steve Sabella.

Bei „Keep an Eye on the Wall“ fragt man sich, warum hier zum wiederholten Mal die Mauer bzw. die Sperranlage als Referenz für die künstlerische Auseinandersetzung herhalten muss. Visuell gesehen bringt dies nur wenig Neues. Vermutlich erklärt es sich daraus, dass die Initiatoren des Projekts aus Europa kommen. Was hier zu beobachten ist, ist dass die Verbindung künstlerischer Produktion in und über die palästinensischen Gebiete sich mit der Nutzung eines visuellen Klischees verbindet. Dies ist schade, zeigt doch gerade die Arbeit von Raeda Sadeh, wie die Mauer zwar Referenzpunkt ist, aber auch zu einer sehr viel tiefgründigeren Auseinandersetzung führen kann. Fragt sich, ob auch lokale Kuratoren die Mauer in den Vordergrund gestellt hätten. Zu begrüßen ist, dass dank des Goethe-Instituts dieses Projekt in die Westbank getragen wurde und damit auch eine Auseinandersetzung über dieses mit palästinensischen Künstlern und Kuratoren ermöglicht wird.

 Weitere Infos: