Montag, 18. Mai 2015

Neue Perspektiven auf Israel/Palästina


Meinrad Schade ist ein Schweizer Fotograf, der seit 2003 an einem Langzeitprojekt unter dem Titel „Krieg ohne Krieg“ arbeitet. Vor allem in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat er nach Spuren vor, nach und neben dem Krieg gesucht. Seit 2013 setzt Meinrad Schade sein Projekt in Israel/Palästina fort. Im April war gerade wieder für 4 Wochen in der Region. Am Rande einer Veranstaltung im Rahmen seiner Ausstellung „Krieg ohne Krieg“ im Fotomuseum Winterthur am 5. Mai sprach ich mit ihm über diese neue Etappe seines Projekts.

 
Jericho, Westjordanland, 2014 © Meinrad Schade

FK: Was waren die Gründe, warum Du Dich entschieden hast, das Projekt in Israel/Palästina fortzusetzen?

MS: Die Situation, wie man sie vor allem in der Westbank findet, ist eigentlich ein perfektes Versuchslabor für den Zustand von Krieg ohne Krieg, wie ich ihn suche. Von daher liegt es sehr nahe, dort weiterzumachen. Im ersten Moment hat mich davon abgehalten, dass dies auch andere in der Region schon gemacht haben. Sehr viele gute Fotografen waren schon in der Region. Auch in der Nagorny-Karabach hat man diesen Zustand, aber dort waren ein paar weniger Fotografen. Insofern hadere ich auch immer mal wieder mit der Entscheidung für Israel/Palästina. Aber mir scheint, dass der Ansatz den ich gewählt habe bisher weniger versucht wurde. Vor allem dahingehend, Israel und Palästina als Ganzes zu verstehen und die Grenzen zu verwischen. Deswegen spielen wir in der Ausstellung auch mit diesen Bildpaaren.

FK: Kannst Du ein Beispiel dafür geben?

MS: Auf meiner letzten Reise z. B. habe ich ein Bild einer israelischen Siedlung gemacht, die von der Armee zerstört wurde. Das sieht dann visuell genau gleich aus, wie die Beduinensiedlung in der Negevwüste, die von den Israelis zerstört wurde. Dieses Bild von Zerstörung kommt überall vor. Dies zeigt, dass die Israelis zum Teil auch gegen ihre eigenen Siedler vorgehen.

FK: Besteht bei diesen Gegenüberstellungen nicht auch die Gefahr, Unterschiede zu nivellieren.

MS: Klar, die besteht, das kann nicht leugnen. Aber es hängt ein bisschen vom Umgang damit ab. Ich sage immer, dass ein fotografischer Essay ein hochkomplexes, labiles Gleichgewicht hat. Und ich denke, in diesem Gleichgewicht, in diesen umfangreichen Essays kann und darf sowas stattfinden. Ohne dass völlig ausgleichen zu wollen.

FK: Israel/Palästina wird ja oft aus einer dichotomen Perspektive betrachtet. Entweder man ist für die eine, oder die andere Seite. Wie gehst Du mit dem Thema um?

MS: Ich betrachte Israel/Palästina als spannende Herausforderung für mich. Und diese Zerrissenheit habe ich selbst erlebt. Es wäre viel einfacher, nur in Palästina zu bleiben und sich der vorherrschenden - und auch verständlichen - Abneigung den Israelis gegenüber anzuschließen. Aber genau deswegen möchte ich auch mal zwei Wochen nur in Israel sein. Du merkst dann, wie Deine Wahrnehmung sich verschiebt. Sich dem immer wieder auszusetzen macht es spannend. Die Menschen suhlen sich eben in ihren  Haltungen. Auf Facebook finde ich das so extrem: Schau, was der Böse Israeli wieder gemacht hat. Und die Anderen machen es ja genau gleich, quasi nur spiegelbildlich. Es ist ein Wiederholen der Muster von wie böse der Andere ist.

FK: Gibt es schon Ideen, wie Du die neuen Arbeiten präsentieren willst.

MS: In meinem Kopf denke ich schon wieder an ein Buch. Ein Thema, das ich sehr spannend finde, sind z. B. die unterschiedlichen Narrative. Es wäre denkbar, die Bilder jeweils Israelis und Palästinensern vorzulegen und aufzuzeichnen, was sie dazu sagen. Aber wie gesagt, dass sind nur Ideen.

FK: Herzlichen Dank und weiterhin viel Erfolg für mit Deinem Projekt.


Der erste Teil seines Projekts mit Arbeiten über die Länder der ehemaligen Sowjetunion ist als Fotobuch im Schweizer Verlag Scheidegger&Spieß erschienen. Ein kleiner Film gibt einen ausführlicheren Einblick in dieses Projekt.

Mittwoch, 13. Mai 2015

Rezensionen zu Salgados "Genesis"


Seit einem knappen Monat hängt in der Berliner Galerie C/O Berlin die Ausstellung „Genesis“ des weltberühmten brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Kuratiert von seiner Frau Leila, sind in Berlin Schwarz-Weiß Bilder seiner Reisen in die entlegensten Winkel dieser Erde versammelt. Die Ausstellung ist ein Publikumsmagnet und wurde durchweg sehr positiv rezensiert. Hier finden sie ein paar Ausschnitte der Berichterstattung.

 
Ein Blick in die Ausstellung von Salgado bei C/O Berlin

"Üppige Wälder, majestätische Canyons, geheimnisvolle Eisberge. Man sieht Alligatoren in Brasilien, schaut in die Augen von Affen, Walrossbullen strecken ihre mächtigen Stoßzähnen in die Luft, einem Wal im argentinischen Meer kam Salgado so nah, dass man denkt, er wäre auf dessen Rücken geritten".



"Salgado liefert mit "Genesis" einen weiteren berührenden Augenzeugenbericht, diesmal über die Schöpfungskraft unserer Erde. Die Natur als der bessere Teil der Welt. Eine Welt, an der wir Menschen mehr teilhaben sollten". 



"Seine Foto-Ode an die verletzliche Schönheit unseres Planeten versetzt er mit Glaube, Liebe und der Hoffnung, dieser zerzausten, Flickenkleider tragenden kleinen Tochter der Angst, die sich gegen Gleichgültigkeit wehrt".



"Das Losgehen war wohl der Start für "Genesis", ein Neuanfang, ein Gegenentwurf zu all dem Kaputten, das er erlebt hat. Er wendet sich in "Genesis" stärker den Tieren zu, der Natur, Gegenden, die scheinbar noch unberührt sind von Zerstörung. Fast die Hälfte der Welt sei noch im Paradieszustand, glaubt er".



"Besonders beeindruckend: die Aufnahmen unberührter Landschaften in dem für Salgado typischen kontrastreichen Schwarz-Weiß, die er mit maximaler, ja biblischer Wirkung in Szene setzt. Bricht ein Lichtstrahl durch die aufgetürmten Wolken über einer Gebirgskette, scheint der Finger Gottes letzte Hand anzulegen".




„Salgados Fotografien greifen durch ihren Blick in die Größe der unberührten Welt ein und machen so die Bedrohung spürbar, die in der ungebremsten Ausbeutung der Ressourcen lauert, in der Bezwingung der Natur. “.



Die Ausstellung „Genesis“ von Sebastiao Salgado ist noch bis zum 16. August in der Galerie C/O Berlin zu sehen. Die Galerie ist täglich zwischen 10 und 20 Uhr geöffnet.  
 

Samstag, 9. Mai 2015

Von „Kriegsporno“ und Bildethik


Die Bilder vom Krieg in der Ukraine formen unsere Wahrnehmung des Konflikts. Doch was darf man zeigen? Michael Biedowicz, Bildredakteur beim ZEITmagazin, und Donald Weber von World Press Photo sprachen darüber mit Annette Streicher.  Dies ist die erste Folge einer zweiteiligen Gesprächsreihe des Magazins Ostpol, die hier als Gastbeitrag gekürzt wiedergegeben wird.

ostpol: Wenn ein Konflikt eskaliert wie in der Ukraine oder ein Flugzeug abstürzt – welche Bilder sind ethisch vertretbar, um solche Ereignisse zu vermitteln?

Biedowicz: Das ist eine ganz alte Diskussion, ob grausame Bilder abstoßen, was man zeigen darf und was nicht. Da wird jede Zeit sich neu definieren. Inzwischen gibt es die Tendenz, dass man zu explizite Bilder nicht zeigt, solche auswählt, die keine offenen Wunden zeigen. Man will die Dramatik zeigen, aber keine Übelkeit erzeugen.

Ein subtiles Bild aus der Ukraine hat gerade im Wettbewerb World Press Photo, erstaunlicherweise in der Kategorie Nachrichten, gewonnen: Das Stilleben „Wrecked life“ des russischen Fotografen Sergei Ilnitsky, aufgenommen nach einem Granateneinschlag in Donetsk. Ein gutes Beispiel?

Biedowicz: Ein tolles Bild. Man sieht eine Alltagssituation, die radikal durch Krieg versehrt ist: Ein gedeckter Tisch mit frischen Früchten, der plötzlich nicht mehr einladend ist, sondern zerstört. Leben und Tod sind auf dem Bild versammelt.

Weber: Dieses Bild geht weit über die etablierte, überbetonte ästhetische Bildsprache im Fotojournalismus hinaus, weil es direkt den Kern der Sache trifft. Als Fotograf bin ich vor allem Überbringer einer Botschaft, nicht viel mehr. Der Grund, weshalb das Bild auf so unterschiedlichen Ebenen funktioniert, ist sein universeller Kontext. Es steht stellvertretend für den universellen Begriff von Zuhause, und das kann jedem von uns jederzeit wegbrechen.

Biedowicz: Sehr erstaunlich, dass es in dieser Kategorie gewonnen hat, das ist wirklich ein Novum. Denn normalerweise schaut man hier eigentlich immer in schmerzverzerrte oder leere Gesichter, das war das bisherige Muster.

Weber: Ich habe mich für das Bild stark gemacht, weil ich denke, dass viele von einem falschen Nachrichtenbegriff ausgehen. Sogar für das Gewinnerfoto des Jahres haben wir viel Kritik kassiert: Wie könnt ihr in einem Jahr voll großer Nachrichtenereignisse – der Abschuss der MH17, Krieg in der Ukraine, ISIS-Terror - dieses subtile Foto eines schwulen Pärchens auswählen? Viele messen den Nachrichtenwert nicht am Inhalt, sondern an der visuellen Darstellung. Das ist aus meiner Sicht absolut falsch und der Grund, warum der Fotojournalismus korrumpiert ist.

Die im Wettbewerb World Press Photo gekürten Bilder lösen in jedem Jahr Kontroversen aus. Unter den Gewinnerserien waren in diesem Jahr auch zwei Foto-Essays aus der Ukraine, von der blutigen Eskalation auf dem Maidan sowie von der Absturzstelle der MH17. Der französische Magnum-Fotograf Jérôme Sessini zeigt den leblosen Körper eines Passagiers, noch immer an den Sitz geschnallt, in einem Weizenfeld in der Ostukraine.

Biedowicz: Das ist ein Bild, das ich grenzwertig finde. Ich weiß nicht, ob man das drucken kann, weil da jemand zu sehen ist. Und wir wissen nicht, ob es ihm recht ist, dass dieses Bild in einem Magazin erscheint. Die Würde des Toten, die Würde des Menschen – wenn es um diese Bereiche geht, ist die Fotografie gefährdet. Nah heran gehen ist verführerisch, aber Distanz wäre besser. Mich schockt das Foto sehr, ich finde, es überschreitet die Grenze des Legitimen. 

Weber: Das betrachte ich als ein Argument, das sich aus westlichem Chauvinismus speist, wie er in Europa und den USA vorherrscht. Es soll sozusagen nicht ‚okay’ sein, einen von uns derart zu zeigen, es ist aber in Ordnung, solche Bilder auf einem anderen Kontinent zu machen – wo die Menschen exotisch aussehen, oder anders als wir. Nach den Rechten eines toten Kindes in Afrika fragt niemand, und solche Bilder werden immer durchgewunken und in Magazinen gezeigt. Ich finde das Bild relevant und akzeptabel. Ich glaube, wir müssen solche Sachen zeigen, unserer eigenen Menschlichkeit willen, und können nicht so tun, als wäre nichts passiert, wenn tatsächlich alles passiert ist.


Das komplette Interview mit Bildbeispielen finden Sie auf Ostpol. Der Beitrag entstand im Rahmen von Stereoscope Ukraine, einem Projekt von n-ost.

Montag, 4. Mai 2015

Krieg ohne Krieg


Krieg und Gewalt sind von Anbeginn der Fotografie zentrale Gegenstände und wichtige Themen dieses Mediums. Vor allem der zeitgenössische Journalismus in Europa ist auf fotografische Bilder angewiesen, damit die Menschen sich ein Bild von sozialen und politischen Konflikten sowie kriegerischen Ereignissen machen können. Die Medienkarawane ist dabei meist dann vor Ort, wenn es kracht und knallt und die Eskalation ihren Höhepunkt erreicht hat. Einen ganz anderen Ansatz hat der Schweizer Fotograf Meinrad Schade gewählt und sich auf eine Spurensuche an den Rändern der Konflikte vor, neben und nach dem Krieg begeben. Die Resultate sind zurzeit in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

Wolgograd (ehemals Stalingrad), Russische Föderation, 2009 © Meinrad Schade

Die von Martin Gasser kuratierte Ausstellung ist in sechs Kapitel unterteilt. Während der Prolog einen Überblick über die Themen gibt, sind die anderen Kapitel geografisch und thematisch geordnet. Im Kapitel „Siegreich“ geht es um Erinnerungskultur in Kiew und Wolgograd, „Vertrieben“ zeigt den Flüchtlingsalltag in Tschetschenien und Inguschetien, in „Verstrahlt“ beschäftigt sich Schade mit den Folgen der Atombombentests in Kasachstan und „Isoliert“  porträtiert die Enklave Nagorny-Karabach. Das Kapitel „Ausgestellt“ hingegen zeigt Bilder von einer Waffenmesse in Paris sowie der „War and Peace Show“ im englischen Beltring. Das neueste Kapitel „Umkämpft“ widmet sich Israel und dem Westjordanland.

Auf der Bildebene findet man eine Mischung aus Landschaftsaufnahmen, Porträts und der Dokumentation politischer Ereignisse. Welch große inhaltliche Tiefe die Bilder haben, zeigt sich wenn man die ausführlichen Einführungstexte und Bildunterschriften dazu nimmt. Dadurch ergibt sich ein zweite, über das visuelle hinausgehende Lesart. Die Präsentation und die Hängung vermeiden jede Hierarchisierung der Bilder und unterstützen auf angenehme Art und Weise den dokumentarischen Charakter des Projekts. Die hellen Holzrahmen mit Passepartouts wirken angenehm unprätentiös. Durch den Ort und das Jahr der Aufnahme kann jedes Bild genau kontextualisiert.

Am verstörendsten sind die Bilder Schades, die sich dem Patriotismus widmen. Hier zeigt sich, wie sich Militärparaden, Erinnerungskultur, Nationalgeschichte und Erziehung zu einem gefährlichen Gebräu vermischen, egal ob in der Ukraine, in Russland oder in Berg-Karabach. Die herausragende Bedeutung des Patriotismus ist das eigentlich verbindende dieser Regionen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Hier zeigt sich das fatale Erbe des zentralistischen, kommunistischen Sowjetimperiums. Der in der Ausstellung zitierte Satz von Joshua Sobol „Von einem Moment zum anderen stehen wir vielleicht wieder im Krieg“ sollte uns allen als Mahnung dienen.

Was die Ausstellung deutlich macht, ist das Meinrad Schade ein feiner Beobachter des Zeitgeschehens ist. Seine Fotografien haben die richtige Mischung aus Distanz und Nähe. Nie hat man das Gefühl, den Abgebildeten zu nahe zu kommen, in ihre Intimsphäre einzudringen. Es braucht nicht den Schock von Leichen und Verletzten, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie explosiv die Situation in den ehemaligen Sowjetrepubliken ist und wie gezeichnet Mensch und Natur von den Konflikten der Region sind. Damit ist Meinrad Schade vielen seiner Fotografenkollegen um Längen voraus.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. Mai 2015 zu sehen. Die Fotostiftung ist von Dienstag bis Samstag Uhr von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Zur Ausstellung erscheint eine Sonderausgabe des Magazins Reportagen (März 2015) mit einer Palästina-Reportage von Christian Schmidt, Fotografien von Meinrad Schade und Bildbetrachtungen von Daniele Muscionico. Der entsprechende, von Nadine Olonetzky herausgegebene Bildband ist im Züricher Verlag Scheidegger&Spieß erschienen (ISBN 978-3-85881-452-4, ca. 270 Seiten, 163 Illustrationen, vierfarbig). Mehr zu sehen gibt es auf der Webseite von Meinrad Schade.
 

Freitag, 1. Mai 2015

Rezensionen zu Conflict, Time, Photography

Kaum eine Ausstellung zum Thema Fotografie und Krieg hat in der letzten Zeit so viel Medienresonanz bekommen, wie "Conflict, Time, Photography" im Museum Folkwang in Essen die Mitte April eröffnet wurde. Hier ist eine Zusammenstellung von Rezensionen aus der deutschsprachigen Presse mit kurzen Zitaten der Rezensenten.


"Es mag an der Auswahl der Kuratoren liegen oder am Gegenstand der Ausstellung: Jedenfalls zeigt sich eine Scheu der Fotografen, den Überlebenden die Erinnerung an das Millionenheer der Toten aufzubürden".



 "Und so ist auch die Ausstellung mit ihren jähen Fügungen ein dichter Essay über den Zusammenhang von Fotografie und historischem Gedächtnis. Dem aber geht es nicht nur darum zu erinnern, sondern darum zu verhindern. So könnte die Schau gut im Titel tragen, was Vonnegut ans Ende seiner Texte setzte: Peace"



"Es braucht nicht mal den Blick ins Massengrab republikanischer Gefangener, den Luc Delahaye 70 Jahre nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs festgehalten hat, um uns zu zeigen, was Krieg und Gewalt mit den Menschen macht"



"Die großen Fotos, ob Augenblicke oder Jahrzehnte nach dem Ereignis aufgenommen, brauchen kein ihnen aufgestülptes Konzept, McCullins traumatisierter Soldat ebenso wenig wie Tomatsus bei 11.02 stehengebliebene Uhr – da explodierte die Bombe von Nagasaki – oder die Skelette von hingerichteten Republikanern, die Luc Delahaye 70 Jahre nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs fotografierte".



Audiobeiträge und Bildergalerien zum Thema:



Donnerstag, 23. April 2015

Mediale Inszenierung und Bildpolitik des IS


Dass die Bilder des "Islamischen Staates" so präsent in unseren Medien sind, hängt weniger mit der tatsächlichen Relevanz der dokumentierten Ereignisse zusammen, als vielmehr mit der kurzfristig gedachten Aktualitätslogik der Massenmedien. Einige medienkritische Anmerkungen von Felix Koltermann.

Kaum ein journalistisches Medium – egal ob Tageszeitung, Onlinemedium oder Fernsehsender – hat im vergangenen Jahr auf Bilder des sogenannten "Islamischer Staates" (IS) verzichtet. Verbunden mit den Bildern war die Rhetorik eines vermeintlichen Bilderkrieges, ausgelöst vor allem durch die vom IS verbreiteten Enthauptungsvideos.

Damit verbunden ist die Frage, wie groß die Bedeutung dieser Bilder tatsächlich ist, wo sie ihre eigentliche Wirkmächtigkeit entfalten und wie sie mit politischen Entscheidungen, in der Region politisch oder militärisch zu intervenieren oder dies zu unterlassen, interagieren.

Die meisten Bilder, die uns über den IS erreichen, sind Teil klassischer Kriegspropaganda und wurden vom IS selbst produziert. Viele Bilder zeigen dabei inszenierte Ereignisse, egal ob es um eine Enthauptung vor der Kamera oder das Plattwalzen der Grenzbefestigung zwischen dem Irak und Syrien geht. Es sind sogenannte "Image Operations", Operationen mit Bildern. Es sind Bildakte, die Teil einer ausgeklügelten PR sind, die sich modernster Mittel und vor allem neuer Verbreitungskanäle, wie den sozialen Medien, bedient.

Der komplette Artikel steht auf Qantara.

Mittwoch, 15. April 2015

Den Krieg im Blick


Vergangene Woche eröffnete im Essener Folkwang Museum die Ausstellung „Conflict, Time, Photography“. Kaum ein Feuilleton, dass in den vergangenen Tage die Schau nicht rezensiert hätte. Selbst die Tagesschau der ARD brachte am vergangenen Donnerstag zur Prime-Time einen kurzen Einblick in die Ausstellung. Konzipiert wurde die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Tate Modern in London und der Staatlichen Kunstsammlung in Dresden und ist in Essen noch bis zum 5. Juli zu sehen.



Beeindruckend ist die Schau zunächst ein Mal aufgrund der Zahlen. In 13 Räumen sind 125 fotografische Arbeiten zum Thema Krieg und Konflikt zu sehen. Dabei nimmt die Ausstellung für sich in Anspruch, nicht die Geschichte der Kriegsfotografie erzählen zu wollen, sondern eine neue und unkonventionelle Perspektive auf die Bildgeschichte des Krieges zu eröffnen. Das Ordnungsprinzip der Ausstellung ist der Zeitpunkt der Rückschau, der Moment, an dem die fotografische Arbeit entstand, vom Moment danach bis zu Jahrzehnten später.

Versammelt sind in Essen Werke der bekanntesten zeitgenössischen Fotografen, von Don Mc Cullin über Luc Delahaye bis hin zu Stephen Shore, aber auch Frühwerke der Kriegsfotografie beispielsweise von Roger Fenton. Im Vordergrund steht die Auseinandersetzung mit den Kriegsfolgen, den Spuren von Gewalt und Zerstörung auf die Landschaft und die Architektur. Es sind eher dokumentarische als fotojournalistische Arbeiten, eher künstlerische als erzählerische Arbeiten zu sehen. Die Augenzeugenschaft vor allem journalistischer Kriegsfotografie, ist weitestgehend abwesend. Stattdessen wird der Moment danach inszeniert, wie in den großformatigen Arbeiten von Luc Delahaye während der Zeit der westlichen Interventionen in Irak oder Afghanistan im Krieg gegen den Terror.

Über allem schwebt das kuratorische Konzept, der Blick auf den Krieg aus unterschiedlicher zeitlicher Distanz. Den Arbeiten selbst sieht man nicht an, in welchem Abstand zum Ereignis sie aufgenommen wurden, was beispielsweise am  Grad der Reflexion sichtbar werden könnte. Was sich ändert sind natürlich die dargestellten Gegenstände, weil die Ruinen der alliierten Flächenbombardements natürlich nur Wochen und Monate später, nicht jedoch Jahrzehnte später zu finden sind. So macht sich die Fotografie dann auf die Suche nach anderen Spuren, den Spuren von NS-Bauten oder Denkmälern.

Natürlich gibt es auch in dieser Ausstellung Höhepunkte. Erschreckend ist das Bild von Eiichi der eingebrannten Silhouette eines Wachsoldaten an der Wand nach dem Atombombenabwurf in Hiroshima. Verstörend ist das Bild „Patio Civil“ von Luc Delahaye. Er fotografierte ein Massengrab aus dem Bürgerkrieg in Spanien, das aufgrund der Zweidimensionalität und der Übergröße an klassische Gemälde erinnert. Toll ist die Intervention im öffentlichen Raum von Emeric Lhuisset im Nordirak als Hommage an den getöteten kurdischen Schriftsteller Sardasht Osman. Er hängte nicht fixierte SW-Abzüge von Osman in die Straßen die innerhalb von wenigen Stunden schwarz wurden und damit zu einer Anklage mutierten.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte der deutsche Fotograf Christoph Bangert sein vieldiskutiertes Buch „War Porn“. Seine Kritik ist, dass Redaktionen zu wenig das Leid und die Gewalt im Krieg zeigen. Ähnliches gilt für die Essener Schau. Was der Betrachter hier zu sehen bekommt, ist zu weiten Teilen der distanzierte Blick auf den Krieg, ein cleaner, künstlerischer und irgendwie auch künstlicher Blick auf Gewalt und Zerstörung. Zumindest die Chance auf radikale Nachdenklichkeit, wie es das Museum Folkwang für sich in Anspruch nimmt, wird damit vertan.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. Juli zu sehen. Das Museum ist Dienstag bis Sonntag von 10 - 18 Uhr geöffnet, Donnerstag und Freitag bis 20 Uhr.