Donnerstag, 18. September 2014

Zur Debatte Fotojournalismus und Bürgerjournalismus


Bei der Diskussion um Journalismus und Fotojournalismus in der arabischen Welt taucht immer wieder der Begriff des Bürgerjournalismus bzw. Citizen Journalism auf. Meiner Ansicht nach ist die Verwendung dieses Begriffs nicht unproblematisch und Teil einer europäisch geprägten Sicht auf das Thema, wie der folgende Text aufzeigen will.

Viele Autoren, die sich mit der Fragen der Medien im Allgemeinen und der Funktion von Journalismus in Krisenzeiten im besonderen beschäftigen, kommen aus dem „Westen“, den USA und Europa. In diesen Ländern gibt es eine lange Tradition des unabhängigen professionellen Journalismus. Journalismus ist hier ein Beruf den man wählt und mit dem ein bestimmtes Berufsverständnis verbunden wird. Die Länder, in den dieser Journalismus seine Blüte erfahren hat, verfügen alle seit vielen Jahrzehnten über stabile demokratische Verhältnisse. Konflikte sind eingehegt, werden im demokratischen System verhandelt, mit Hilfe des Journalismus in den Medien diskutiert. Was die Journalisten mit der Mehrheitsgesellschaft verbindet ist ein über alle politischen Lager geltender demokratischer Grundkonsens. Trotz allem gibt es immer wieder politische Themen, die auf die Straße und in den politischen Protest getragen werden. Die Journalisten haben dort klar die Funktion des Berichterstatters, Meinung wird in den Kommentarspalten der Zeitungen abgedruckt. Für Medien, die nicht zum klassischen Establishment gehören, wurde hier der Begriff der „alternativen Medien“ erfunden. Dazu kam eine Bewegung des Bürgerfunks oder Bürgerfernsehens, wo hauptsächlich auf lokaler Ebene Bürger zu Teilzeitjournalisten wurden, als Teil ihrer demokratische Partizipation. Auch die Digitalisierung der Kommunikation hat dieses Verhältnis nicht nachhaltig verändert. Letztlich lässt sich auch die Blogossphäre weitgehend im klassischen Journalismus verorten, nur ohne die traditionellen Medieninstitutionen.

Eine völlig andere Situation findet sich in Ländern, die in den letzten Jahren revolutionäre Prozesse durchgemacht haben, wie Ägypten, Lybien oder Tunesien. Der klassische Journalismus in Zeitung und Fernsehen war dort größtenteils Staatsjournalismus, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen. Die dort arbeitenden Journalisten waren das was im „Westen“ als professioneller Journalismus gesehen wird. Vor allem weil für eine Beurteilung dessen, was professioneller Journalismus ist, hauptsächlich die Routinen der Journalisten und ihre Institutionen betrachtet wurden. In einer Situation des revolutionären Umbruchs sind nun Journalisten wie Bürger mit der Frage konfrontiert, wie sie sich zum alten Regime sowie den das Regime in Frage stellenden Bewegungen verhalten. Aus Sicht ihrer bis dato gelebten professionellen Berufsrolle hinaus, müsste dies eigentlich eine kritische Abwägung beider Positionen bedeuten, oder eine Verteidigung des alten Regimes. Alle anderen, die außerhalb der traditionellen Strukturen des Journalismus stehen und klar Position für die Revolution beziehen, werden dagegen als Bürgerjournalisten bezeichnet. Damit sind nach Ansicht des Autors eine klare Bewertung und eine Abwertung der Bürgerjournalisten verbunden. Journalismus sollte nach der Qualität ihrer Produkte bewertet werden, nicht nach der institutionellen Einbindung.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage, welche Rolle die arabischen Fotografen und Journalisten in ihren Gesellschaften einnehmen. Der klassische professionelle Journalismus, wie er sich vor allem in den Staatsmedien in Ägypten zeigt, genießt im Land nur eine sehr geringe Glaubwürdigkeit. Konsumenten ziehen es oft vor, Aktivisten auf Facebook und Twitter oder bekannten Bloggern zu vertrauen. Diejenigen, die aus westlicher Perspektive als Bürgerjournalisten bezeichnet werden, genießen also größere Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit.

Wieder zurück zu westlich sozialisierten Journalisten und Kommunikationswissenschaftlern: Aus ihrer Sicht ist die Einteilung der Journalisten in Ägypten in professionelle Journalisten und Bürgerjournalisten durchaus nachvollziehbar. Wenn sie die Strukturen, in denen sie sozialisiert wurden übertrage, sehen sie natürlich nur in den Journalisten der traditionellen, ehemals staatlichen Medien professionelle Journalisten. Es gibt jedoch noch einen weiteren entscheidenden Punkt: die persönliche Haltung eines Bürgers oder Journalisten gegenüber politischen, zum Teil revolutionären Umbrüchen im eigenen Land. Westlich sozialisierte Journalisten und Wissenschaftler standen zum Großteil nie selbst vor der Frage, im eigenen Land Position beziehen zu müssen, nehmen sich aber heraus zu beurteilen, ob dies in anderen Ländern professionell ist oder nicht. Hier liegt nach Ansicht des Autors ein schwerwiegendes Problem. Anstatt den Menschen zuzugestehen Position zu beziehen, werden durch ein Überstülpen im Westen entwickelter Konzepte Rollen festgeschrieben. Eine weitere Absurdität kommt dazu: die internationalen Medien und ihre Korrespondenten haben sich in Ägypten schnell zum Sprachrohr der Revolution gemacht und den Widerstand vom Tahrirplatz glorifiziert. Werden sie deswegen als Bürgerjournalisten bezeichnet? Mitnichten. Aber ihre lokalen Kollegen, die in ihrem Land mit dem Risiko dafür verhaftet zu werden ausserhalb der traditionellen Medien Journalismus und Fotojournalismus betreiben, werden dagegen als Bürgerjournalisten abgestempelt.

Das lässt sich auch an einem anderen Beispiel gut deutlich machen. In Israel gibt es ein Fotografenkollektiv namens Activestills, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den Widerstand israelischer und palästinensischer Bürger gegen das Besatzungsregime zu dokumentieren. Unter vielen der lokalen wie internationalen Journalisten die in der Region tätig sind, sind sie als „Aktivisten mit der Kamera“ verschrien, weil sie sich deutlich gegen das Besatzungsregime positionieren und dies öffentlich kundtun. Natürlich kommt dazu, dass sich selbst auch zum Aktivistenspektrum rechnen. Gleichzeit sehen sie sich aber auch als Dokumentarfotografen. Was nun spricht dagegen, sie als professionelle Fotojournalisten zu betrachten? Nur der Fakt, dass sie offen gegen die Mehrheitsmeinung ihres Landes und den politischen Status Quo auftreten? Hier liegt meiner Ansicht nach ein Fehler. Das, wonach sie bewertet werden sollten, ist die Qualität ihrer Arbeit, ihre Bildsprache, ihre Bildunterschriften, die KOntextualisierung. Aber warum negativ bewerten, wenn sich israelische Bürger aus berechtigten politischen Argumenten gegen etwas wenden, was die internationale Staatengemeinschaft als illegal bezeichnet. Vielleicht fühlen sich diese Fotografen moralisch dazu verpflichtet, in diesem Konflikt Position zu beziehen. Das ist ihr gutes Recht und sollte es auch sein. Nur wer aus der bequemen Position stabile demokratischer Systeme heraus argumentiert, kann dies für unprofessionell halten.

Möglicherweise findet die Figur des Bürgerjournalisten beim Blick auf Konfliktregionen deshalb so großen Gebrauch, weil durch sie die Hegemonie traditioneller Medien in Frage gestellt wird.

„Provozierend erscheint nun, dass auch „die Anderen“ sich zunehmend in der Herstellung und Verbreitung solcher Bilder als ebenbürtig erweisen. Westliche Hegemonie musste zur Absicherung ihrer militärischen Übermacht stets auch auf visuelle Politiken bauen und konnte dies, solange sie in den Technologien der Informationsübermittlung überlegen war.“ (Wenk 2008: 34)

Die hier diskutierte Frage, kommt letztlich auf ein Thema zurück, welches in diesem Blick schon an anderer Stelle diskutiert wurde: die Haltung eines Journalisten oder Fotojournalisten. Nach Ansicht des Autors ist es wichtig, dass Journalisten und Fotojournalisten eine eigene politische Haltung entwickeln und auch im Journalismus beibehalten. Denn sie sind aufgefordert, vor allem wenn es um gewalthaltige Konflikte geht Position zu beziehen. Ihre Arbeit muss dann daran gemessen werden, inwieweit sie in ihrer Arbeit professionell vorgehen und Standards einhalten, ob es Blogger, Fotografen für ein alternatives Kollektiv oder Korrespondenten großer Tageszeitung oder Agenturjournalisten sind. Daran sollten sie sich messen lassen, nicht nach den Veröffentlichungskanälen und auch nicht danach, ob sie eine politische Haltung in ihren Beruf mit einbringen. Wobei natürlich auch einer Haltung dahingehend Grenzen gesetzt sein sollten, das volksverhetzende, zu Gewalt aufrufende, die Menschenrechte anderer in Frage stellende Meinungen nicht tolerierbar sind.


Literatur:

Wenk, Silke (2008): Sichtbarkeitsverhältnisse: Asymmetrische Kriege und (a)symmetrische Geschlechterbilder, in: Bilderpolitik in Zeiten von Krieg und Terror: Medien, Macht und Geschlechterverhältnisse, Hentschel, Linda (Hrsg.), Berlin: b_books, S. 29 - 49.

Montag, 1. September 2014

Reflektionen über Bilder im Web 2.0


Die Erkenntnis, dass Bilder allgegenwärtig und ihre weltweite Verbreitung über das Internet ein Kinderspiel sind, dürfte an dieser Stelle wohl eher ein Allgemeinplatz sein. Angesichts der immer wiederkehrenden Debatten um die Macht der Bilder und deren mögliche Eindämmung, kann dies jedoch nicht oft genug ins Gedächtnis gerufen werden. Was jedoch zu Wünschen übrig lässt, ist eine Ausdifferenzierung der Debatte um Bilder im Internet hinsichtlich ihrer Gebrauchsformen sowie der Akteure, welche sie verbreiten. Dies gilt vor allem dann, wenn Bildern eine herausragende Bedeutung zukommt, wie z.B. bei gewalthaltigen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen. Zuletzt war dies wieder einmal am Gaza-Krieg zu beobachten.

Bilder sind wie oben angedeutet, mannigfaltig. Sie sind in journalistischen Medien, in Magazinen und Blogs  zur Illustration, als politisches Statement und Beweise bei NGO’s, als Mobilisierungstool in Facebook und auf anderen Plattformen sowie zum rein privaten Nutzen in sozialen Netzwerken zu finden. Wichtig ist bei der Betrachtung und der Diskussion von Bildern, diese klar nach der Form ihrer Herstellung, ihrer Funktion sowie dem Kontext der Veröffentlichung zu unterscheiden. So ist eine Einteilung in verschiedene Kategorien wie privat, journalistisch, werblich und künstlerisch sicherlich hilfreich. Dabei ist zu beobachten, dass diese Grenzen natürlich immer wieder verschwinden. Die Frage nach der Funktion von Bildern und ihrer Herkunft ist vor allem dann hilfreich, wenn es um öffentlich brisante und vor allem konfliktträchtige Themen geht. So ist es bei der Beurteilung von Bildern von zentraler Bedeutung, ob es um Information und Dokumentation, um PR-Zwecke oder rein Privates geht.

Gefährlich ist es vor allem dann, wenn Bilder die in den Medien verwendet werden, nicht aus journalistischen Quellen, sondern aus sozialen Netzwerken im Web 2.0. stammen. Hier lässt sich in der Regel nicht überprüfen wer die Quelle eines Bildes ist. Durch wenige Klicks und Likes lassen sich Bilder im Web 2.0 massenhaft verbreiten und die Hemmschwelle Bilder einzustellen ist extrem niedrig. Dies kann natürlich auch mit gefälschten Bildern passieren. Insofern ist es wichtig, eine Unterscheidung zwischen diesen Bildern und jenen aus der fotojournalistischen Berichterstattung zu treffen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es um die Darstellung von Kriegen und Konflikten geht.

So ist zum Beispiel die Motivation, die hinter dem Posten der Bilder bei Einzelpersonen steht meist nicht bekannt, es sein denn dass sie sich aus dem Kontext des Posts erschließt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es in der Regel eine völlig andere ist als diejenige professioneller, journalistischer Akteure. Bei privaten Posts kann die Motivation von reinem Interesse, dem Zeigen von Empörung bis hin zum bewussten Aufwiegeln und zur Stimmungsmache reichen. Vor allem letztere stellen dabei die Problembereiche dar. Denn dies sind Zwecke der Bildverbreitung, denen sich der Journalismus sogar entgegen stellen sollte.

Meiner Ansicht nach sind es nicht erst Fälle wie die Ausschreitungen um die Veröffentlichung der Mohammed-Karrikaturen oder den Anti-Muslim Film von Bacile die aufhorchen lassen. In diesen Fällen ist davon auszugehen, dass wir es wohl mit klar orchestrierten Ereignissen zu tun haben. Oft aber sind im Web 2.0 Prozesse zu beobachten, die aus Unbedachtheit entstehen und die sich dann verselbstständigen. Hier stellt sich die Frage nach der Funktion von Bildern in sozialen Netzwerken. Es kann argumentiert werden, dass das Hochladen von Inhalten, von denen auszugehen ist, dass sie von anderen genauso gelesen werden, die Identität einer bestimmten Nutzergruppe in den sozialen Netzwerken stärkt. So bestätigen sich die Nutzer gegenseitig in ihren politischen Meinungen und spielen sich die Bälle zu.

Dies ist dann keine Form des Citizen Journalism sondern das private Nutzen von Kommunikationsmöglichkeiten die durch das Medium gleichzeitig öffentlich oder semi-öffenlicht werden. Soziale Netzwerke verleiten auch deswegen zu Fehlern, da für viele Nutzer nicht klar ist, wo die Grenzen des Privaten und Öffentlichen liegen. Twitter-Nachrichten die für den Austausch innerhalb der Community genutzt werden, werden durch das Retweeten möglicherweise öffentlich. Damit ist es oft unmöglich, die Folgen des eigenen Handelns abzuschätzen. Somit stellt sich die Frage, ob es mit einer reinen Netiquette getan ist oder die User generell nicht ein neues Bewusstsein über mögliche (nicht-intendierte) Konsequenzen des eigenen Handelns brauchen, somit größere Bild- und Medienkompetenz brauchen. Denn in der virtuellen Welt sind Fehler kaum wieder zu korrigieren. Dies würde jedoch bedeuten, Millionen von Nutzern in der konfliktsensitiven und achtsamen Nutzung sozialer Medien zu schulen. Dies ist sicherlich kein Prozess der von heute auf morgen geschehen kann. Er kann seinen Anfang jedoch in der intensiven Förderung von Medienkompetenz in Schule und Ausbildung nehmen.

Eine weitere und aus meiner Sicht tragfähigerer Ansatz für den Moment besteht darin, die klassischen journalistischen Medien als Korrektiv zu nutzen. Denn in der Regel ist in diesen journalistische Kompetenz gepaart mit gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein vorhanden. Aber auch dort muss in vielen Bereichen eine neue Art des Umgangs mit Bildern und Nachrichten, die aus den sozialen Netzwerken stammen, erst entstehen. Denn die zentrale Fragestellung, wie im Fall des Anti-Muslim auf Youtube ist, ob sie durch die Berichterstattung über das Ereignis nicht neues Öl ins Feuer gießen und die Aufmerksamkeit erst darauf lenken.

Vieles spricht meiner Meinung nach dafür – auch wenn dies im Hype um Neue Medien vielleicht konservativ klingen mag – weiterhin journalistische Medien mit der Auswahl und der Verbreitung von Nachrichten zu betrauen. Journalistische Medien verfügen in der Regel nicht über das Interesse an kurzfristiger Skandalisierung, ausgenommen vielleicht die Yellow-Press. Immerhin sind sie an Codes und Standesrichtlinien gebunden und es gibt Institutionen, die dies überwachen. Der Blogger oder private Facebook-, Flickr und Youtube-Nutzer muss in der Regel keine Konsequenzen für sein Posting fürchten, sofern ihm nicht strafrechtlich relevante Handlungen wie Völkerverhetzung nachgewiesen werden können. Der stete Fluss an Bildern ins und aus dem Netz wird sich damit jedoch auch nicht kontrollieren lassen. Aber vielleicht lassen sich negative Aspekte minimieren und Konflikte, die aus dem unbedachten Nutzen entstehen verhindern oder bewusste Provokationen abmildern.

Sonntag, 31. August 2014

Von der Pflicht hinzuschauen

So unscheinbar das Format, so drastisch sein Inhalt: In "War Porn" nimmt der deutsche Fotojournalist Christoph Bangert sprichwörtlich kein Blatt vor den Mund bzw. die Linse. Ungefiltert präsentiert er dem Leser eine Auswahl seines fotografischen Archivs der Grausamkeiten des Krieges, vor allem in den Ländern der arabischen Welt.

© Christoph Bangert
Der Kriegsfotograf Christoph Bangert zeigt auf drastische Art und Weise, was Menschen sich auch heute, über 100 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkriegs, noch in Kriegen und Konflikten antun. Die im Buch versammelten Fotografien stammen aus dem Gazastreifen, Indonesien, Israel, dem Libanon, dem Irak und Afghanistan und sind zwischen 2003 und 2011 entstanden. Viele dieser Reisen unternahm Bangert im Auftrag der amerikanischen Tageszeitung "The New York Times".

Der komplette Artikel ist auf Qantara zu lesen.

Dienstag, 12. August 2014

Von Information zur Informationslosigkeit

Was passiert, wenn ein im journalistischen Kontext entstandenes Bild in einen rein künstlerischen Kontext überführt wird, lässt sich zur Zeit an einer Arbeit des Fotografen Luc Delahaye in der Ausstellung „Damage Control – Art and Destruction since 1950“ im Luxemburger Museum für zeitgenössische Kunst Mudam in Luxemburg Stadt beobachten. Die Ausstellung wurde organisiert vom Washingtoner  Hirshhorn Museum und der amerikanischen Smithsonian Institution.

Im Untergeschoss des Mudam hängen zwei großformatig präsentierte Fotografien von Luc Delahaye aus seiner Serie „History“. Darunter ist eines seiner bekanntesten Bilder mit dem Titel „Jenin Refugee Camp“. Es zeigt die Ruinen des Flüchtlingslagers der palästinensischen Stadt Jenin nach einem Militäreinsatz während der 2. Intifada im Jahr 2002. Dieses Bild und ein zweites aus dem Irak-Krieg werden nebeneinander in einem Raum mit Arbeiten aus der Serie „jpeg“ von Thomas Ruff präsentiert. Zu Delahayes Bild von Jenin gibt es keinerlei Bildunterschriften, die auf die dargestellte Situation und den Kontext, in dem die Aufnahmen entstanden sind, hinweisen. Damit werden die Fotografien in einem dokumentarischen Sinn wertlos und funktionieren nur noch als selbstreferentielle, auf das Ästhetische reduzierte Bilder. Was bleibt ist eine Szene der Zerstörung. Auch wenn Luc Delahaye dafür bekannt ist, dass er seinen Arbeitsschwerpunkt vom journalistischen auf das Künstlerische verlagert hat ist in Frage zu stellen, ob er selbst eine solche Präsentation für gut heißen würde.

In der Zeitschrift Fotogeschichte veröffentlichte Agnes Matthias im Jahr 2004 einen guten Artikel, in dem sie ausführlich auf die Unterschiede von journalistischen und künstlerischen Fotografien eingeht, unter anderem am Beispiel der Arbeit von Luc Delahaye. Über den stattfindenden Funktionswandel schreibt sie: „die ästhetische Dimension der Bilder wird durch bestimmte Präsentationsstrategien in den Vordergrund gerückt, die Information, die diese in ihrem ursprünglichen Verwertungszusammenhang transportieren sollte, tritt zurück[1]. Dies ist in großer Deutlichkeit in der Luxemburger Ausstellung zu beobachten.

Das hier beschriebene Problem entsteht auch durch die Überführung von journalistischen Fotografien in die fotografische Sammlung eines Museums.  Einmal im Besitz einer privaten oder öffentlichen Sammlung stehen die Fotografien nur noch als Referenten für sich selbst und ähneln einem Gemälde. Wie im Fall der Luxemburger Ausstellung werden sie herangezogen um thematische Ausstellungen und kuratorische Einfälle zu bebildern. Ob der Fotograf sein Bild in einem solchen Kontext präsentieren würde, ist dabei völlig zweitrangig. Hier findet ein immenser Funktionswandel der Fotografie statt, die aus dem journalistischen Dokument die Illustration eines kuratorischen Konzepts macht.

Die Ausstellung ist noch bis zum 12. Oktober zu sehen. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Museums.



[1] Matthias, Agnes (2004): "Die Fotografie, der Krieg und das Feuilleton." Fotogeschichte Heft 94, Jhrg. 24, S. 44.

Freitag, 18. Juli 2014

Aktuelle Literatur über Fotojournalismus


Im Rahmen der Wiederaufnahme meiner Recherchen über Fotojournalismus und Kriegsfotografie bin ich den vergangenen Wochen auf verschiedene sehr interessante und aussagekräftige wissenschaftliche Artikel zum Thema gestoßen. Einige davon möchte ich im Folgenden kurz vorstellen. Nur ein Teil der Artikel ist dabei frei zugänglich. Andere sind nur über gut bestückte wissenschaftliche Bibliotheken in gedruckter oder zum Teil in digitaler Form sowie zum Kauf bei den entsprechenden Verlagen erhältlich. Mir ist es trotz der erschwerten Zugänge wichtig diese zu erwähnen, da sie für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema von großer Bedeutung sind.

In einem feuilletonartigen Artikel für das Magazin Fotogeschichte setzt sich Agnes Matthias mit dem Verhältnis von künstlerischen und journalistischen Positionen im Fotojournalismus auseinander. Dabei geht es vor allem um die Diskursverschiebung die mit einer Verschiebung journalistischer Bilder aus einem pressefotografischen Kontext in einem musealen Kunstkontext einhergeht. Sie geht dabei auf zeitgenössische Arbeiten von James Nachtwey, Luc Delahaye und Paul Seawrigth ein.

Matthias, Agnes (2004): Die Fotografie, der Krieg und das Feuilleton, in: Fotogeschichte, Jahrgang 24, Heft 94, S. 43 – 55.

Mit Fragen der Ethik und den Facetten professioneller Integrität im Fotojournalismus befasst sich der kanadische Historiker Vincent Lavoie. Er ist Autor des leider bisher nur auf Französisch erschienenen Bandes „Photojournalismes“ und schreibt regelmäßig für die französische Zeitschrift „études photographiques“. Dieser Artikel ist einer der wenigen auf Englisch verfügbaren Texte der Zeitschrift.

Lavoie, Vincent (2010) "Photojournalistic Integrity - Codes of Conduct, Professional Ethics, and the Moral Definition of Press Photography." études photographiques 26.
http://etudesphotographiques.revues.org/3462

Über einen Vortrag auf der Konferenz „Image Operations“ dieses Frühjahr in Berlin bin ich auf die Forschungstätigkeit von Zeynep Günsel aufmerksam geworden. Sie untersucht das Berufsfeld des Fotojournalismus aus der Perspektive der Medienethnologie und –anthropologie. Für diesen Artikel hat sie mehrere Wochen bei der zentralen Bildredaktion der französischen Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) recherchiert und beschreibt die Routinen der Bildauswahl die dort vorherrschen.

Gürsel, Zeynep Devrim (2012): "The politics of wire service photography: Infrastructures of representation in a digital newsroom." AMERICAN ETHNOLOGIST 39 (1):  71–89.
http://americanethnologist.org/2012/wire-service-photography-digital-newsroom/

In einem von der World Press Photo Academy in Amsterdam und der Fotofederatie in den Niederlanden finanzierten Rechercheprojekt ist der amerikanische Medienwissenschaftler und Fotografietheoretiker David Campbell dem „Visual Storytelling“ auf den Grund gegangen.

Campbell, David (2013). Visual Storytelling in the Age of Post-Industrialist Journalism. Amsterdam, World Press Photo Academy.
http://www.worldpressphoto.org/multimedia-research

Dem Wesen der sogenannten „Editorial Photography“ geht die australische Journalismusforscherin Louise Grayson auf den Grund. Sie verfügt neben ihrer akademischen Laufbahn über eigene Erfahrungen als Journalistin und Dokumentarfotografin.

Grayson, Louise (2013): "Editorial Photographs and Patterns of Practice." Journalism Practice 7 (3):  S. 314 - 328.

Zwei relativ aktuelle und sehr umfassende Artikel über die Geschichte der Kriegsfotografie stammen von Lilie Chouliaraki und Michael Griffin. Chouliaraki setzt sich in ihrem Essay mit Fragen nach der Humanität der Kriegsdarstellung und dem Zeigen von Leid auseinander während Griffin sich mit dem Mythos des Vietnam-Kriegs und seinen Folgen auf die fotografische Dokumentation des Irak- und des Afghanistankrieges beschäftigt.

Chouliaraki, Lilie (2013): "The humanity of war: iconic photojournalism of the battlefield, 1914-2012." Visual Communication 12 (3):  S. 315 - 340.
Griffin, Michael (2010): "Media images of war." Media, War & Conflict 3 (1):  7–41.

Diese Liste ließe sich fortsetzen. Über den Austausch und Hinweise zu weitere interessanten Artikeln über die Kommentarfunktion freue ich mich.

Montag, 14. Juli 2014

Seminar "Fotografie im Konflikt"


Update: Das Seminar ist ausgebucht! Eine Neuauflage ist für den Herbst geplant.

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist einer der am längsten schwelenden internationalen Konflikte. Dabei macht der Konflikt vor allem durch eine oft stereotypisierte Bildberichterstattung von sich reden. Das Seminar „Fotografie im Konflikt - Der israelisch-palästinensische Konflikt im Blick des Fotojournalismus“ nähert sich diesem Thema systematisch an und schlüsselt die Produktions- und Publikationsbedingungen des Fotojournalismus in der Region auf. Es richtet sich an Menschen, die sich für die Fotografie als journalistisches Medium interessieren und die den Nahostkonflikt und seine mediale Darstellung analysieren und verstehen möchten. 


Die Teilnehmer_innen lernen dabei die relevanten Akteure des Bildermarktes und die Vielfalt fotojournalistischer Ansätze kennen. Sie verfügen am Ende über die Fähigkeit zur kritischen Lektüre von Bildern. Ziel des partizipativ angelegten Seminars ist die Vermittlung eines kritischen und reflektierten Umgangs mit Bildmaterial aus Krisenregionen. Geleitet wird der Workshop vom Berliner Kommunikationswissenschaftler und Nahostexperten Felix Koltermann, als Gast ist der Fotograf Kai Wiedenhöfer eingeladen.

Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich!


Seminarzeiten
Freitag 26.9.14, 18 bis 20 Uhr
Samstag 27.9.14, 10 bis 18.30 Uhr
Sonntag 28.9.14, 10 bis 13.30 Uhr

Veranstaltungsort:
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Raum: Seminarraum
10967 Berlin, Kottbusser Damm 72
Nähe U-Bahnhof Hermannplatz

Donnerstag, 10. Juli 2014

Crowdfunding im Fotojournalismus


Auf dem Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover vor zwei Wochen gab es einen Thementag zum Crowdfunding. Von den angekündigten Infoständen und Vorträgen blieben leider nur die Vorträge übrig. Für diese waren der holländische Fotograf Rob Hornstra, die deutschen Fotografen Claudius Schulze und Kai Wiedenhöfer, die amerikanische Filmemacherin Sarah Mabrouk sowie Sebastian Esser vom Online-Magazin Krautreporter eingeladen. Leider fehlte eine Moderation durch den Tag, so dass die zusammenfassende Betrachten der verschiedenen Optionen sowie eine kritische Diskussion und Einordnung des Themas dem Besucher vorbehalten blieb.

Claudius Schulze beim Vortrag auf dem LUMIX Festival

Zu Beginn einige grundsätzliche Worte zum Crowdfunding. Diese relativ neue Form der Finanzierung basiert auf dem Sammeln von Geld durch die Crowd, auch Schwarm genannt, also die Gemeinschaft der Internetnutzer. Die Grundidee ist, über die direkte Vermarktung des eigenen Produkts oder der eigenen Idee viele kleine Geldbeträge zu sammeln um auf die benötigten Investitionssummen zu kommen. Damit soll Finanzierungslücken, die durch die weltweite Medienkrise entstanden sind, entgegengewirkt werden. Grundsätzlich ist zwischen dem „reward based“ und dem „donation based“ Crowdfunding zu untscheiden. Beim ersten Prinzip erhalten die Geldgeber ein Produkt oder eine immaterielle (Dienst-) Leistung für ihren Geldbetrag. Darunter finden sich oft kleine Gimmicks wie Postkarten oder Stoffbeutel, die finanzierten Produkte wie z.B. Fotobücher oder die Einladung zu speziellen Events. Das zweite Modell ist mit der klassischen Spende vergleichbar, wo der Geldgeber keine Gegenleistung bekommt. Crowdfunding für journalistische Projekte funktioniert meist nach dem „reward based“ Prinzip. Eine weitere Möglichkeit ist das sogenannte Crowdinvestment. Dies wird vor allem von Start-Up Unternehmen genutzt. Dabei ist mit dem Crowdinvestment meist die Übertragung eines Unternehmensanteils oder die Beteiligung an möglichen Gewinnen verbunden.

Den Auftakt des Thementages beim Lumixfestival bildete ein toller und sehr inspirierender Vortrag des niederländische Fotografen Rob Hornstra. Er finanzierte große Teile seines mehrjährigen in Zusammenarbeit mit Arnold van Bruggen entstandenen „The SotchiProject“ über Crowdfunding. Er zeigte, wie hoch die Meßlatte liegt wenn es um das Crowdfunding geht und wie eine perfekte Vermarktung einher gehen kann mit einem qualitativ hervorragenden Fotografie-Projekt und erfolgreicher Acquise im Internet. Der zentrale Moment ist dabei laut Hornstra dass die Unterstützer in den Fotografen, nicht in sein Projekt investieren. Sie geben Geld weil sie einen Menschen persönlich kennen und dies Glaubwürdigkeit verleiht. Und der größte Teil der Arbeit ist laut Hornstra diese Gruppe der Unterstützer, die eigene Community, zu pflegen. Dazu gehört das Beantworten von Emails, das Organisieren privater Events, ect. Das ist sozusagen das Privileg, was sich die Community mit der Unterstützung des Projekts erkauft. Aufschlussreich war Hornstras Einschätzung des Interessentenkreises. Er sprach von mehreren konzentrischen Kreisen um den Fotografen, ausgehend von dessen Lebensmittelpunkt und Bekanntheitsgrad. Der erste Kreis besteht klassischerweise aus Familie und Freunden, der zweite aus der Stadt in der er lebt, der dritte aus seinem Land, der fünfte aus Europa und der letzte einem weltweiten Publikum. Hornstra warnte davor dem Hype zu verfallen und zu erwarten dass man plötzlich Unterstützer aus der ganzen Welt bekommen würde: die wichtigste Community sei immer noch im engeren Umfeld und im eigenen Land zu finden.

Hornstra schlachtete in seinem Vortrag dann auch gleich noch einige heilige Kühe des Fotojournalismus, in dem er dazu aufrief die leidige Diskussion über das mangelnde Geld in den Medien zu beenden und Bilder auch umsonst zum Abdruck freizugeben. Ganz umsonst? Na ja insofern, als dass es keine direkten Geldzahlungen gibt, aber die entsprechenden Publikationen dann wiederum Anzeigen für die eigenen Bücher oder die Crowdfundingaktion drucken. Hornstra erläuterte dies am Beispiel der Kooperation mit dem Magazin „Foreign Affairs“. Diese Kooperationen seien wichtig, um das Publikum zu erhöhen, so Hornstra. Und für das Publikum ist der wichtigste Moment das Bespielen diverser Socialmedia-Kanäle. Hornstra und van Bruggen posten dort vor allem Inhalte, kleine Geschichten die während der Arbeit entstehen und halten so die Unterstützer bei der Stange. Dass dies erfolgreich ist zeigte sich an den 25.000 Euro die von den beiden über vier Jahre jährlich eingesammelt wurden.

Das man Crowdfunding auch völlig anders verstehen kann zeigte der Vortrag des deutschen Fotografen ClaudiusSchulze. Er finanzierte sein erstes Fotobuch „Socotra“ sowie Teile seines aktuellen Projekts „Naturzustände“ über Crowdfunding. Dabei kam er ohne die Hilfe einer Crowdfundingplattform aus und sammelte sein Geld allein über seinen Emailverteiler und Ankündigungen auf seiner Webseite ein. Entsprechend bescheiden waren auch seine Einkünfte. Für sein Buch „Socotra“ sammelte er 6.500 Euro durch den Verkauf einer Special Edition des Buches mit einem Abzug ein. Die Unterstützer wurden auf der letzten Seite des Buches genannt. Sein Publikum waren bei seinem ersten Projekt vor allem Familie und Freunde. Bei seinem zweiten Projekt „Naturzustände“ konnte er schon auf einen professionell geführten Emailverteiler zurückgreifen und seinen Kreis ausweiten. Interessant war Schulzes Hinweis, wie wichtig es sei mit dem eigenen Projekt eine bestimmte Zielgruppe zu finden. So hatte sein Buch „Socotra“ weniger in der Fotobuchcommunity als unter Inselforschern Erfolg, wo er einen Großteil seiner Bücher absetzte. Dies zeigt wie das Suchen spezieller Fachpublika zum Erfolg führen kann.

Den klassischen Weg des Crowdfunding über eine bestehende Crowdfunding Plattform wählte der Berliner Dokumentarfotograf Kai Wiedenhöfer. Im Vortrag stellte er die Kampagne zur Teil-Finanzierung seiner Ausstellung „Wall on Wall“ vor, die auf Kickstarter lief. 2013 plakatierte er Teile seines Projekts über Grenzzäune und –wälle weltweit auf den Resten der Berliner Mauer. Wiedenhöfers Vorgehen ist insofern atypisch als dass sein Projekt mit sehr kurzer Vorbereitungszeit entstand. Dies ist auch dem Video anzusehen. Trotz allem hatte er Erfolg und sammelte fast 15.000 Euro ein.

Die verschiedenen Vorträge zeigten, dass Crowdfunding auf der einen Seite ein sehr weiter Begriff ist, unter den sehr verschiedene Formen der Finanzierung fallen. Auf der anderen Seite wurde deutlich, dass diese Formen nicht immer neu sind, wie erfolgreiche Finanzierungsstrategien über Editionen im Freundes-, Familien- und Kollegenkreis zeigen. Dies weist darauf hin, dass jedes Projekt seine eigene Form der Finanzierung finden muss, die auf den Inhalt des Projekts, den Fotografen, seine Netzwerke und seine Ressourcen (zeitlich, finanziell, ...) zugeschnitten ist. Ein großer Vorteil des Crowdfunding ist, dass ein Projekt mit der Onlinepräsentation schon eine gewisse Öffentlichkeit bekommt. Damit ist auch ein Teil der Bewerbung schon erledigt und es baut sich ein Kreis von Interessierten auf, der am finalen Produkt (Ausstellung, Buch, ...) Interesse hat. In jedem Fall ist Crowdfunding weder eine Geldmaschine noch die Lösung für Probleme im traditionellen Journalismus sondern zuallererst ganz einfach viel Arbeit.

In einem weiteren Blogbeitrag habe ich einige Links zu Literatur zum Thema, zu Ratgebern, Studien und Crowdfundingplattformen zusammengestellt.