Samstag, 11. Juli 2015

Vom Vergessen beim Glauben und Lügen – Eine Replik auf Die ZEIT


Es ist ein reißerischer Aufmacher, mit dem die ZEIT dieser Woche aufmacht: „Glauben Sie nicht, was Sie sehen!“ heißt es auf der Titelseite und im Untertitel wird auf die Täuschung durch manipulierte Foto abgehoben. Auch der Einstieg ins Dossier auf Seite 13 funktioniert ähnlich und macht mit der Aussage „Diese Bilder lügen“ in einem abstrahierten Objektiv auf. Auch wenn der Text um einiges detailschärfer ist und viele interessante Fragen stellt, ist es eine ärgerliche Verkürzung des Themas die hier durch das Framing in den Überschriften stattfindet.

Die zentralen Begriffe auf die in den Überschriften abgehoben wird, sind Glauben und Lüge. Für den Umgang mit Medien im 21. Jahrhundert nach der konstruktivistischen Wende doch erstaunlich. Und nicht nur das, ich halte sie in der Massivität auch für gefährlich da sie das weit verbreite Gefühl vieler Medienkonsumenten bedienen, von der Presse belogen zu werden. Und als Aufhänger für den Zeit-Artikel dienen ein Mal mehr Bilder, die altbekannt sind. Der prinzipiell gut recherchierte Artikel hängt sich an manipulierten Bildern auf, die oft diskutiert wurden, von denen viele jedoch nie in Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Somit wird auf das Thema Manipulation von Bildern im Fotojournalismus abgehoben, ohne das jedoch erwähnt wird, welche Rolle manipulierte Bilder quantitativ in der gedruckten Presse spielen.

Und noch ein Faux-Pass: Die Bilder die den Artikel illustrieren, sind wahllos aneinander gereihte Bilder unterschiedlicher Gebrauchsformen: fotojournalistische Bilder, Amateurbilder, PR-Fotografien. Aber bitte, es ist doch ein Unterschied ob Amateure aus Spaß Haie in ein Bild montieren oder ein professioneller Fotojournalist ein Bild des Zeitgeschehens digital manipuliert. Aber auch auf der Textebene passiert der Wechsel dieser Ebenen. Der Artikel endet mit einem Hinweis auf den IKEA Katalog und seine digitalen Bildwelten. Ja, wichtiges Thema, aber bitte nicht mit dem Fotojournalismus vermischen, auf den der Artikel ja an vielen Stellen anspielt.

Aber diese Vermischung der Ebenen ist insofern nicht verwunderlich, als dass sie leider die Praxis der Verwendung von Fotografien und visuellem Material nicht nur der ZEIT sondern so gut wie aller deutscher Tageszeitungen und Magazine ist. Während auf der Textebene klar zwischen redaktionellen und werblichen Teilen unterschieden wird, haben allein im Politikteil der Zeitungen Werbeanzeigen mit Fotografien meist einen vielfach höheren Anteil als journalistische Fotografien. Und beispielsweise im ZEIT  Magazin gibt es schnelle Wechsel der unterschiedlichsten Gebrauchsformen, von denen die einen digital bearbeitet und retuschiert sind, die anderen nicht. Wie soll denn ein Konsument ohne besonderes Hintergrundwissen wissen, was erlaubt ist und was nicht?

Dies weist auf einen weiteren Umstand hin, den der Artikel gekonnt umschifft. Die vermeintliche Notwendigkeit der Massenmedien zur Visualisierung. Kein Mensch kauft heute mehr eine Zeitung, wenn dort kein Bild abgedruckt ist. Zeitungen und Magazine sind Produkte, bei deren Erstellung die Vermarktung schon eine entscheidende Rolle spielt. Bilder werden dazu gezielt eingesetzt, oft in einer schwierigen Gradwanderung zwischen Journalismus und Werbung. Auch die ZEIT ist Teil davon, hat ein eigenes Branding, versucht sich als Marke zu platzieren, wobei Bilder einen wesentlichen Anteil ausmachen. Den Fotojournalismus zu kritisieren ohne den Blick darauf zu lenken, zeigt nur einen Teil der Wahrheit. Und selbst wenn wir auf die Geschichte der Pressefotografie schauen, so wurden Bilder von Beginn an von Zeitungen dafür genutzt, die Glaubwürdigkeit von Textbeiträgen zu erhöhen, also gezielt in eine mediale Konstruktion eingewoben.

Leider passiert im Artikel genau das, was sich immer wieder zeigt wenn Fälle von Manipulation im Fotojournalismus aufgedeckt werden: Die Verantwortung wird individualisiert und auf den Fotoreporter abgewälzt, auch wenn an einigen Stellen Bildredakteure zu Wort kommen. Dabei steht außer Frage, dass der Fotoreporter in der Regel der „Täter“ ist. Aber der Journalismus ist ein sich selbst reproduzierendes System, mit Konventionen die sich ändern und dem Zeitgeist anpassen, mit Wettbewerben die Standards vorgeben. Es ist aus dieser Perspektive keineswegs verwunderlich, wenn im Jahr 2015 22% der Bilder des World Press Photo Award manipuliert waren, wenn im Jahr 2013 ein Bild von Paul Hansen prämiert wurde, dass genau dieser digitalen Ästhetik den Weg geebnet hat. Und in der Jury saßen damals wie heute Bildredakteure der wichtigsten journalistischen Medien.

Zwei gute Vorschläge gibt es im Artikel. Es sind die Ideen, Bildunterschriften größer zu drucken und stärker auf das Auftragsverhältnis hinzuweisen. Aber wie wäre es damit, auf der Bildebene zwischen redaktionellem und werblichem Teil zu unterscheiden? Oder öfter auf Bilder zu verzichten, wenn sie einen rein illustrativen Charakter haben oder als Kommentar eingesetzt werden? Daneben ist eine gesellschaftliche Debatte über Bildkompetenz als wesentliches Element von Medienkompetenz notwendig. Es geht darum, die Komplexität moderner digitaler Bildwelten entschlüsseln zu lernen, so wie jedes Kind in der Schule das Schreiben und Lesen von Texten lernt. Dann wären wir einen wesentlichen Schritt weiter.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Rezensionen zu „Fire and Forget: On Violence“


Seit Mitte Juni 2015 ist in den Berliner Kunst-Werken in Mitte die Ausstellung „Fire and Forget: On Violence“ zu sehen. Die Ausstellung möchte eine Auseinandersetzung über die geläufigen Vorstellungen von Krieg und Gewalt in der zeitgenössischen Kunst führen. Hier eine Auswahl von Rezensionen verschiedener Medien zur Ausstellung.


„Selbstkritisch stellt die Ausstellung auch die Frage, ob die Galerie, das Museum überhaupt der rechte Ort sein kann, Gewalt zu hinterfragen, denn hier ist die Ästhetisierung Programm. Eine Antwort gibt es nicht. Die Ratlosigkeit einzugestehen, könnte ein Anfang sein“.



„Es geht den Kuratoren nicht darum, das Thema analytisch durchzudeklinieren. Immer schwingt auch die Frage mit, welche Verantwortung die Darstellung von Gewalt auf sich lädt, welchen Beitrag Bildnisse und Kunstwerke zwischen Verurteilung und Faszination leisten, und wo sie an ihre Grenzen stoßen“.



„Im Unterschied zu den ausweglosen Laienbildern eröffnet die Kunst dem Publikum einen Handlungsspielraum ohne zu belehren. Sie hebt den Impuls zur Gewalt auf die Bewusstseinsebene. Im Licht der Vernunft wird klar – Fire and forget ist die kümmerlichste Option“.



Wer lieber Audiobeiträge anhört, der kann sich auch den Radiotext von Katja Weber für das Berliner Radio1 vom RBB anhören.


Die Ausstellung ist noch bis zum 30. August zu sehen. Die Kunst-Werke (Auguststrasse 69) sind Mittwoch bis Montag von 12 bis 19 Uhr geöffnet. Es gibt ein Begleitprogramm zur Ausstellung mit Vorträgen. Im Verlag  Mattes&Seitz ist parallel ein Buch mit einer literarischen Bearbeitung des Themas von deutschen und internationalen Autoren erschienen.





Donnerstag, 11. Juni 2015

Bilder vom Krieg - Zwischen Berichterstattung und Propaganda

Am 17. Juni werde ich um 18 Uhr im Haus der Kirchlichen Dienste in Hannover einen Vortrag zum Thema „Bilder vom Krieg – Zwischen Berichterstattung Propaganda halten“. Die Veranstaltung ist Teil der aktuellen Veranstaltungsreihe „Einbildung oder Abbildung – wie wir die Welt sehen“ des ELM-Büros für internationale kirchliche Zusammenarbeit. Hier folgt der Ankündigungstext:

„Syrien, Sudan, Ukraine, Libyen, Irak, Zentralafrikanische Republik ... – die Liste der Krisen- und Kriegsschauplätze der letzten Jahre ist leider viel zu lang. Doch Bilder vom Krieg schrecken uns immer nur für kurze Zeit auf, bis die nächste Krise die Medien vereinnahmt. Immer komplexer werden kriegerische Auseinandersetzungen in ihren Ursachen, Auswirkungen und Befriedungsstrategien. Auffallend ist, dass der Ruf nach militärischen Interventionen im bundesdeutschen Diskurs zunimmt und darin eine vermeintliche Lösung gesucht wird. An diesem Abend möchten wir beleuchten, wie Medienberichterstattung und Bilder die Wahrnehmung in Deutschland von militärischen Konflikten, politischen und wirtschaftlichen Krisen beeinflussen. Dabei geht es um die Wirkmächtigkeit von Bildern, also auch um Bildpropaganda und Bilderkrieg, in dem Bilder als Waffen einsetzt werden. Welche Art von Berichterstattung und Bild wäre notwendig, um die zivile Konfliktbearbeitung und frühzeitiges bzw. nachhaltiges Engagement in den Fokus zu rücken? Welche Alternativen gibt es aus der Medien- und Friedenspädagogik und wie funktioniert beispielsweise konfliktsensitive Berichterstattung?“

Vortrag und Gespräch mit Felix Koltermann

Mittwoch 17. Juni 2015, 18 Uhr
Haus kirchlicher Dienste,  Archivstraße 3, 30169 Hannover

Anmeldungen:
Büro für internationale kirchliche Zusammenarbeit
Nicole Bock: n.bock@elm-mission.net, Telefon 0511 1215-293

Weitere Infos unter: http://www.kirchliche-dienste.de/Aktuelles/krieg

Montag, 18. Mai 2015

Neue Perspektiven auf Israel/Palästina


Meinrad Schade ist ein Schweizer Fotograf, der seit 2003 an einem Langzeitprojekt unter dem Titel „Krieg ohne Krieg“ arbeitet. Vor allem in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat er nach Spuren vor, nach und neben dem Krieg gesucht. Seit 2013 setzt Meinrad Schade sein Projekt in Israel/Palästina fort. Im April war gerade wieder für 4 Wochen in der Region. Am Rande einer Veranstaltung im Rahmen seiner Ausstellung „Krieg ohne Krieg“ im Fotomuseum Winterthur am 5. Mai sprach ich mit ihm über diese neue Etappe seines Projekts.

 
Jericho, Westjordanland, 2014 © Meinrad Schade

FK: Was waren die Gründe, warum Du Dich entschieden hast, das Projekt in Israel/Palästina fortzusetzen?

MS: Die Situation, wie man sie vor allem in der Westbank findet, ist eigentlich ein perfektes Versuchslabor für den Zustand von Krieg ohne Krieg, wie ich ihn suche. Von daher liegt es sehr nahe, dort weiterzumachen. Im ersten Moment hat mich davon abgehalten, dass dies auch andere in der Region schon gemacht haben. Sehr viele gute Fotografen waren schon in der Region. Auch in der Nagorny-Karabach hat man diesen Zustand, aber dort waren ein paar weniger Fotografen. Insofern hadere ich auch immer mal wieder mit der Entscheidung für Israel/Palästina. Aber mir scheint, dass der Ansatz den ich gewählt habe bisher weniger versucht wurde. Vor allem dahingehend, Israel und Palästina als Ganzes zu verstehen und die Grenzen zu verwischen. Deswegen spielen wir in der Ausstellung auch mit diesen Bildpaaren.

FK: Kannst Du ein Beispiel dafür geben?

MS: Auf meiner letzten Reise z. B. habe ich ein Bild einer israelischen Siedlung gemacht, die von der Armee zerstört wurde. Das sieht dann visuell genau gleich aus, wie die Beduinensiedlung in der Negevwüste, die von den Israelis zerstört wurde. Dieses Bild von Zerstörung kommt überall vor. Dies zeigt, dass die Israelis zum Teil auch gegen ihre eigenen Siedler vorgehen.

FK: Besteht bei diesen Gegenüberstellungen nicht auch die Gefahr, Unterschiede zu nivellieren.

MS: Klar, die besteht, das kann nicht leugnen. Aber es hängt ein bisschen vom Umgang damit ab. Ich sage immer, dass ein fotografischer Essay ein hochkomplexes, labiles Gleichgewicht hat. Und ich denke, in diesem Gleichgewicht, in diesen umfangreichen Essays kann und darf sowas stattfinden. Ohne dass völlig ausgleichen zu wollen.

FK: Israel/Palästina wird ja oft aus einer dichotomen Perspektive betrachtet. Entweder man ist für die eine, oder die andere Seite. Wie gehst Du mit dem Thema um?

MS: Ich betrachte Israel/Palästina als spannende Herausforderung für mich. Und diese Zerrissenheit habe ich selbst erlebt. Es wäre viel einfacher, nur in Palästina zu bleiben und sich der vorherrschenden - und auch verständlichen - Abneigung den Israelis gegenüber anzuschließen. Aber genau deswegen möchte ich auch mal zwei Wochen nur in Israel sein. Du merkst dann, wie Deine Wahrnehmung sich verschiebt. Sich dem immer wieder auszusetzen macht es spannend. Die Menschen suhlen sich eben in ihren  Haltungen. Auf Facebook finde ich das so extrem: Schau, was der Böse Israeli wieder gemacht hat. Und die Anderen machen es ja genau gleich, quasi nur spiegelbildlich. Es ist ein Wiederholen der Muster von wie böse der Andere ist.

FK: Gibt es schon Ideen, wie Du die neuen Arbeiten präsentieren willst.

MS: In meinem Kopf denke ich schon wieder an ein Buch. Ein Thema, das ich sehr spannend finde, sind z. B. die unterschiedlichen Narrative. Es wäre denkbar, die Bilder jeweils Israelis und Palästinensern vorzulegen und aufzuzeichnen, was sie dazu sagen. Aber wie gesagt, dass sind nur Ideen.

FK: Herzlichen Dank und weiterhin viel Erfolg für mit Deinem Projekt.


Der erste Teil seines Projekts mit Arbeiten über die Länder der ehemaligen Sowjetunion ist als Fotobuch im Schweizer Verlag Scheidegger&Spieß erschienen. Ein kleiner Film gibt einen ausführlicheren Einblick in dieses Projekt.

Mittwoch, 13. Mai 2015

Rezensionen zu Salgados "Genesis"


Seit einem knappen Monat hängt in der Berliner Galerie C/O Berlin die Ausstellung „Genesis“ des weltberühmten brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Kuratiert von seiner Frau Leila, sind in Berlin Schwarz-Weiß Bilder seiner Reisen in die entlegensten Winkel dieser Erde versammelt. Die Ausstellung ist ein Publikumsmagnet und wurde durchweg sehr positiv rezensiert. Hier finden sie ein paar Ausschnitte der Berichterstattung.

 
Ein Blick in die Ausstellung von Salgado bei C/O Berlin

"Üppige Wälder, majestätische Canyons, geheimnisvolle Eisberge. Man sieht Alligatoren in Brasilien, schaut in die Augen von Affen, Walrossbullen strecken ihre mächtigen Stoßzähnen in die Luft, einem Wal im argentinischen Meer kam Salgado so nah, dass man denkt, er wäre auf dessen Rücken geritten".



"Salgado liefert mit "Genesis" einen weiteren berührenden Augenzeugenbericht, diesmal über die Schöpfungskraft unserer Erde. Die Natur als der bessere Teil der Welt. Eine Welt, an der wir Menschen mehr teilhaben sollten". 



"Seine Foto-Ode an die verletzliche Schönheit unseres Planeten versetzt er mit Glaube, Liebe und der Hoffnung, dieser zerzausten, Flickenkleider tragenden kleinen Tochter der Angst, die sich gegen Gleichgültigkeit wehrt".



"Das Losgehen war wohl der Start für "Genesis", ein Neuanfang, ein Gegenentwurf zu all dem Kaputten, das er erlebt hat. Er wendet sich in "Genesis" stärker den Tieren zu, der Natur, Gegenden, die scheinbar noch unberührt sind von Zerstörung. Fast die Hälfte der Welt sei noch im Paradieszustand, glaubt er".



"Besonders beeindruckend: die Aufnahmen unberührter Landschaften in dem für Salgado typischen kontrastreichen Schwarz-Weiß, die er mit maximaler, ja biblischer Wirkung in Szene setzt. Bricht ein Lichtstrahl durch die aufgetürmten Wolken über einer Gebirgskette, scheint der Finger Gottes letzte Hand anzulegen".




„Salgados Fotografien greifen durch ihren Blick in die Größe der unberührten Welt ein und machen so die Bedrohung spürbar, die in der ungebremsten Ausbeutung der Ressourcen lauert, in der Bezwingung der Natur. “.



Die Ausstellung „Genesis“ von Sebastiao Salgado ist noch bis zum 16. August in der Galerie C/O Berlin zu sehen. Die Galerie ist täglich zwischen 10 und 20 Uhr geöffnet.  
 

Samstag, 9. Mai 2015

Von „Kriegsporno“ und Bildethik


Die Bilder vom Krieg in der Ukraine formen unsere Wahrnehmung des Konflikts. Doch was darf man zeigen? Michael Biedowicz, Bildredakteur beim ZEITmagazin, und Donald Weber von World Press Photo sprachen darüber mit Annette Streicher.  Dies ist die erste Folge einer zweiteiligen Gesprächsreihe des Magazins Ostpol, die hier als Gastbeitrag gekürzt wiedergegeben wird.

ostpol: Wenn ein Konflikt eskaliert wie in der Ukraine oder ein Flugzeug abstürzt – welche Bilder sind ethisch vertretbar, um solche Ereignisse zu vermitteln?

Biedowicz: Das ist eine ganz alte Diskussion, ob grausame Bilder abstoßen, was man zeigen darf und was nicht. Da wird jede Zeit sich neu definieren. Inzwischen gibt es die Tendenz, dass man zu explizite Bilder nicht zeigt, solche auswählt, die keine offenen Wunden zeigen. Man will die Dramatik zeigen, aber keine Übelkeit erzeugen.

Ein subtiles Bild aus der Ukraine hat gerade im Wettbewerb World Press Photo, erstaunlicherweise in der Kategorie Nachrichten, gewonnen: Das Stilleben „Wrecked life“ des russischen Fotografen Sergei Ilnitsky, aufgenommen nach einem Granateneinschlag in Donetsk. Ein gutes Beispiel?

Biedowicz: Ein tolles Bild. Man sieht eine Alltagssituation, die radikal durch Krieg versehrt ist: Ein gedeckter Tisch mit frischen Früchten, der plötzlich nicht mehr einladend ist, sondern zerstört. Leben und Tod sind auf dem Bild versammelt.

Weber: Dieses Bild geht weit über die etablierte, überbetonte ästhetische Bildsprache im Fotojournalismus hinaus, weil es direkt den Kern der Sache trifft. Als Fotograf bin ich vor allem Überbringer einer Botschaft, nicht viel mehr. Der Grund, weshalb das Bild auf so unterschiedlichen Ebenen funktioniert, ist sein universeller Kontext. Es steht stellvertretend für den universellen Begriff von Zuhause, und das kann jedem von uns jederzeit wegbrechen.

Biedowicz: Sehr erstaunlich, dass es in dieser Kategorie gewonnen hat, das ist wirklich ein Novum. Denn normalerweise schaut man hier eigentlich immer in schmerzverzerrte oder leere Gesichter, das war das bisherige Muster.

Weber: Ich habe mich für das Bild stark gemacht, weil ich denke, dass viele von einem falschen Nachrichtenbegriff ausgehen. Sogar für das Gewinnerfoto des Jahres haben wir viel Kritik kassiert: Wie könnt ihr in einem Jahr voll großer Nachrichtenereignisse – der Abschuss der MH17, Krieg in der Ukraine, ISIS-Terror - dieses subtile Foto eines schwulen Pärchens auswählen? Viele messen den Nachrichtenwert nicht am Inhalt, sondern an der visuellen Darstellung. Das ist aus meiner Sicht absolut falsch und der Grund, warum der Fotojournalismus korrumpiert ist.

Die im Wettbewerb World Press Photo gekürten Bilder lösen in jedem Jahr Kontroversen aus. Unter den Gewinnerserien waren in diesem Jahr auch zwei Foto-Essays aus der Ukraine, von der blutigen Eskalation auf dem Maidan sowie von der Absturzstelle der MH17. Der französische Magnum-Fotograf Jérôme Sessini zeigt den leblosen Körper eines Passagiers, noch immer an den Sitz geschnallt, in einem Weizenfeld in der Ostukraine.

Biedowicz: Das ist ein Bild, das ich grenzwertig finde. Ich weiß nicht, ob man das drucken kann, weil da jemand zu sehen ist. Und wir wissen nicht, ob es ihm recht ist, dass dieses Bild in einem Magazin erscheint. Die Würde des Toten, die Würde des Menschen – wenn es um diese Bereiche geht, ist die Fotografie gefährdet. Nah heran gehen ist verführerisch, aber Distanz wäre besser. Mich schockt das Foto sehr, ich finde, es überschreitet die Grenze des Legitimen. 

Weber: Das betrachte ich als ein Argument, das sich aus westlichem Chauvinismus speist, wie er in Europa und den USA vorherrscht. Es soll sozusagen nicht ‚okay’ sein, einen von uns derart zu zeigen, es ist aber in Ordnung, solche Bilder auf einem anderen Kontinent zu machen – wo die Menschen exotisch aussehen, oder anders als wir. Nach den Rechten eines toten Kindes in Afrika fragt niemand, und solche Bilder werden immer durchgewunken und in Magazinen gezeigt. Ich finde das Bild relevant und akzeptabel. Ich glaube, wir müssen solche Sachen zeigen, unserer eigenen Menschlichkeit willen, und können nicht so tun, als wäre nichts passiert, wenn tatsächlich alles passiert ist.


Das komplette Interview mit Bildbeispielen finden Sie auf Ostpol. Der Beitrag entstand im Rahmen von Stereoscope Ukraine, einem Projekt von n-ost.

Montag, 4. Mai 2015

Krieg ohne Krieg


Krieg und Gewalt sind von Anbeginn der Fotografie zentrale Gegenstände und wichtige Themen dieses Mediums. Vor allem der zeitgenössische Journalismus in Europa ist auf fotografische Bilder angewiesen, damit die Menschen sich ein Bild von sozialen und politischen Konflikten sowie kriegerischen Ereignissen machen können. Die Medienkarawane ist dabei meist dann vor Ort, wenn es kracht und knallt und die Eskalation ihren Höhepunkt erreicht hat. Einen ganz anderen Ansatz hat der Schweizer Fotograf Meinrad Schade gewählt und sich auf eine Spurensuche an den Rändern der Konflikte vor, neben und nach dem Krieg begeben. Die Resultate sind zurzeit in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

Wolgograd (ehemals Stalingrad), Russische Föderation, 2009 © Meinrad Schade

Die von Martin Gasser kuratierte Ausstellung ist in sechs Kapitel unterteilt. Während der Prolog einen Überblick über die Themen gibt, sind die anderen Kapitel geografisch und thematisch geordnet. Im Kapitel „Siegreich“ geht es um Erinnerungskultur in Kiew und Wolgograd, „Vertrieben“ zeigt den Flüchtlingsalltag in Tschetschenien und Inguschetien, in „Verstrahlt“ beschäftigt sich Schade mit den Folgen der Atombombentests in Kasachstan und „Isoliert“  porträtiert die Enklave Nagorny-Karabach. Das Kapitel „Ausgestellt“ hingegen zeigt Bilder von einer Waffenmesse in Paris sowie der „War and Peace Show“ im englischen Beltring. Das neueste Kapitel „Umkämpft“ widmet sich Israel und dem Westjordanland.

Auf der Bildebene findet man eine Mischung aus Landschaftsaufnahmen, Porträts und der Dokumentation politischer Ereignisse. Welch große inhaltliche Tiefe die Bilder haben, zeigt sich wenn man die ausführlichen Einführungstexte und Bildunterschriften dazu nimmt. Dadurch ergibt sich ein zweite, über das visuelle hinausgehende Lesart. Die Präsentation und die Hängung vermeiden jede Hierarchisierung der Bilder und unterstützen auf angenehme Art und Weise den dokumentarischen Charakter des Projekts. Die hellen Holzrahmen mit Passepartouts wirken angenehm unprätentiös. Durch den Ort und das Jahr der Aufnahme kann jedes Bild genau kontextualisiert.

Am verstörendsten sind die Bilder Schades, die sich dem Patriotismus widmen. Hier zeigt sich, wie sich Militärparaden, Erinnerungskultur, Nationalgeschichte und Erziehung zu einem gefährlichen Gebräu vermischen, egal ob in der Ukraine, in Russland oder in Berg-Karabach. Die herausragende Bedeutung des Patriotismus ist das eigentlich verbindende dieser Regionen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Hier zeigt sich das fatale Erbe des zentralistischen, kommunistischen Sowjetimperiums. Der in der Ausstellung zitierte Satz von Joshua Sobol „Von einem Moment zum anderen stehen wir vielleicht wieder im Krieg“ sollte uns allen als Mahnung dienen.

Was die Ausstellung deutlich macht, ist das Meinrad Schade ein feiner Beobachter des Zeitgeschehens ist. Seine Fotografien haben die richtige Mischung aus Distanz und Nähe. Nie hat man das Gefühl, den Abgebildeten zu nahe zu kommen, in ihre Intimsphäre einzudringen. Es braucht nicht den Schock von Leichen und Verletzten, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie explosiv die Situation in den ehemaligen Sowjetrepubliken ist und wie gezeichnet Mensch und Natur von den Konflikten der Region sind. Damit ist Meinrad Schade vielen seiner Fotografenkollegen um Längen voraus.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. Mai 2015 zu sehen. Die Fotostiftung ist von Dienstag bis Samstag Uhr von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Zur Ausstellung erscheint eine Sonderausgabe des Magazins Reportagen (März 2015) mit einer Palästina-Reportage von Christian Schmidt, Fotografien von Meinrad Schade und Bildbetrachtungen von Daniele Muscionico. Der entsprechende, von Nadine Olonetzky herausgegebene Bildband ist im Züricher Verlag Scheidegger&Spieß erschienen (ISBN 978-3-85881-452-4, ca. 270 Seiten, 163 Illustrationen, vierfarbig). Mehr zu sehen gibt es auf der Webseite von Meinrad Schade.